Mit allen Wassern gewaschen
Einige Forscher machten sich bereits auf den Weg, um den Hinweisen auf den Grund zu gehen. Jedoch fehlt seit betreten der Ruine jede Spur von ihnen. Eine Gruppe furchtloser Entdecker macht sich nun auf den Weg um den Verbleib der Forscher zu klären und um herauszufinden, was es mit dem Jungbrunnen auf sich hat. Bringt er tatsächlich die versprochenen Wunder, oder steckt etwas weitaus Düstereres dahinter?
Daten & Fakten
Die Tribute des Jungbrunnens
Kapitel 7
Charlotte war im Geiste zurückgereist in der Zeit. Zurück zu ihrem ersten Besuch des mysteriösen Tempels. Und zurück zu ihrer ersten Begegnung mit dem Jungbrunnen – oder wie auch immer man ihn nennen mochte. Eines jedenfalls war ihr nun wieder bewusst: Die Quelle verhieß alles andere als Heilung, sie forderte ihre Tribute – und brachte so den allermeisten Besuchern das Verderben.
Bei ihrem ersten Besuch des Jungbrunnens war sie nicht alleine gewesen. Neben Elias, der jene Gruppe zur Quelle führte, und Walther, der mit rüstigen 59 Jahren und in bester körperlicher Verfassung alles daransetze, seine sterbenskranke Frau zu retten, waren noch acht andere Menschen bei ihnen. Agnes und Rüdiger waren beide um die 70 Jahre alt, hatten sich in einem Seniorenheim kennen- und lieben gelernt – nun wollten sie gemeinsam einen zweiten Frühling erleben. Sir William Shatterbottom war ein englischer Aristokrat, der im Rollstuhl saß und – begleitet und betreut von seinem Butler Herbert – eigens hierher gereist war, um seinen bestimmt schon 90 Lenzen noch einige weitere hinzuzufügen, und seinen gierig lauernden Erben ein Schnippchen zu schlagen. Von gleich zwei Männern in schwarzen Anzügen, mit Sonnenbrillen und Funk-Ohrstöpseln begleitet, war ein Manager von irgendwoher angereist, der seinen Namen niemandem verriet, jedoch unbedingt seine machtvolle Karriere als CEO und an der Spitze seines Konzerns fortsetzen und für eine erneute feindliche Übernahme seine Jugend zurückgewinnen wollte. Die letzte Quellenbesucherin war „Candy Sandy on your Handy“, eine spät berufene Video-Bloggerin, die sich durch außergewöhnliche Schönheitstipps einen Namen gemacht sowie eine Fangemeinde erarbeitet hatte, inzwischen jedoch mit ihren knapp 50 Jahren keine weiteren Follower mehr generieren konnte – was ihren Sponsoren rein gar nicht gefiel. Sie wollte deshalb noch einmal 20 Jahre alt sein und diesen „Erfolg“ dann den Produkten ihrer Sponsoren zuschreiben – davon versprach sie sich ein sehr gutes Geschäft.
Eine bunt gemischte Truppe, angeführt und geleitet durch Elias, der vor wenigen Tagen mit diesen durch ihn auserkorenen Quellenbesuchern die Mission zum Jungbrunnen ermöglicht hatte. Charlotte erinnerte sich, wie er auch da die Pforte gefunden und durch den Blutzauber geöffnet hatte, sie erinnerte sich an die leuchtenden Symbole an der Höhlenwand und auf Elias’ Haut. Der Gedanke, nach dem sie haschte, war zum Greifen nahe, allerdings bekam sie ihn noch nicht ganz zu fassen. Also folgte sie weiter ihrem Bewusstseinsstrom in der Hoffnung, dass der sie zum Ziel führen würde.
Die Gruppe hatte die Höhle betreten und hinter ihnen war der Zugang verschwunden – genauso, wie es auch soeben für Charlotte der Eindruck gewesen war. Vorneweg lief wieder Elias, allerdings diesmal alleine und ohne jemanden zu tragen. Er sprach kein Wort, sondern schien – seit dem Betreten des Tempels – wie in Trance und in sich selbst gefangen. Dicht hinter ihm lief der Manager im Trenchcoat mit hochgestelltem Kragen, Sonnenbrille und Mafia-Hut, flankiert von seinen Bodyguards; dann Sir Shatterbottom im Rollstuhl und geschoben von Herbert, gefolgt von Rüdiger mit Agnes, die in angeregte Beauty-Diskussionen mit Sandy verwickelt war – und zu guter Letzt Walther, der die von Chemotherapien und Krebs-Entbehrungen gezeichnete Charlotte beim Gehen stützte und motivierte, weiter durchzuhalten.
Charlotte glaubte sich zu erinnern, dass die Stimmung weitaus ausgelassener gewesen war als bei ihrem jetzigen Besuch des römischen Badehorts. Vor allem, als der Höhlentunnel alsbald zum Tempelgang wechselte – und sie schließlich den Reinigungs- und Waschungsraum betraten. Agnes und Sandy kicherten bei den Duschvorhängen wie junge Teenager, die Bodyguards hatten ihre Schusswaffen gezogen und drängten sich eng an den Manager, Herbert duckte sich ängstlich ein wenig hinter den Rollstuhl, in welchem stoisch und mit starrem Blick sein Brötchengeber saß. Die Vorhänge und Fetzen, sie wogten und wallten um die kleine Gruppe, deren Spitze für die Hinteren längst nicht mehr sichtbar war. Walther tat sein Möglichstes, um für sich und seine Frau den Weg freizuschlagen, sah immer abwechselnd vor sich und zu Charlotte. Dann fiel vorne ein Schuss.
Es herrschte eine große Panik. Walther kauerte sich mit Charlotte auf den Boden und unter den Vorhängen konnten sie die Gestalten oder Füße ihrer Begleiter sehen. Ein Bodyguard bellte in einer Fremdsprache Kommandos, der Manager kauerte ebenfalls auf dem Boden. Sandy und Agnes hörte man schreien, während Herbert seinen Boss einfach hatte stehen lassen und unter den Rollstuhl gekrochen war. Rüdiger kauerte unweit seiner Frau und deren neuer Freundin an der Wand. Und dann konnte Charlotte es sehen: Es musste wohl der andere Bodyguard sein, den man nicht hören konnte: Er lag am Boden, die Augen weit aufgerissen und blutete aus einer Wunde an der Stirn.
Der Boden bebte förmlich, als Elias von seiner vorderen Position zurückkam, um zu sehen, was geschehen war. Charlotte und Walther konnten nur seine Füße sehen und vernahmen seine Stimme. „Wer war das?“, fragte Elias mit ruhiger, aber eiskalter Stimme. Man konnte die Füße des Bodyguards und des Managers auf ihn zugehen und in aufgeregter Weise durcheinander schreien hören. „Wer war das?“, wiederholte Elias noch einmal, diesmal deutlich lauter und wütender im Tonfall als beim ersten Mal. Diesmal schien es der Manager zu sein, der etwas zu Elias flüsterte. Man vernahm etwas von einer Gestalt hinter Vorhängen, auf die geschossen worden war – indes offensichtlich nicht ganz treffsicher. Nur Sekunden später hörte man ein lautes Knacken und der zweite Bodyguard ging mit einem seltsam verdrehten Kopf neben seinem Kollegen zu Boden. „Ich sage das nur einmal“, hörte man Elias’ Stimme laut und bedrohlich in Richtung des Managers. „Wir sind an einem heiligen Ort. Ich dulde keinerlei Zwischenfälle oder Störung dieser Stätte. Die Quelle kann den Erwählten das Leben schenken – ich schenke jedem weiteren Unwürdigen den Tod, der diesen Tempel in seiner Handlung entweiht!“ Und nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Folgt mir nun – und ab jetzt ist Schluss mit dem Geplapper. Wir haben es fast geschafft. Die Quelle ist nicht mehr weit.“
Langsam setzte sich die verbliebene Gruppe wieder in Bewegung. Alle waren schockiert von den Ereignissen und stiegen mit großen Schritten über die leblosen Körper der Bodyguards hinweg. Weshalb hatte der eine der beiden geschossen? Worauf hatte er geschossen? War da wirklich jemand oder etwas zwischen den Vorhängen gewesen, wie es die vernommenen Wortfetzen nahelegten? Und weshalb hatte dann ein gut trainierter Schütze, wie diese Geheimdienstleute es doch wohl meistens waren, sein Ziel verfehlt – und womöglich seinen Kollegen getroffen? Worauf mochte er gezielt haben? Diese Fragen blieben offen, während sich die Menschen hochrappelten und bemühten, den Anschluss zu Elias nicht zu verlieren. Jener lief bereits weiter und warf keinen Blick mehr zurück, die Quellensuchenden folgten.
Vorsichtig erhob sich Walther und half auch seiner Charlotte wieder auf die Beine. Sie gingen wieder am Ende der Gruppe. Sandy und Agnes liefen zusammen mit Rüdiger dicht umschlungen. Der Butler Herbert lief wieder leicht geduckt hinter dem Rollstuhl von Sir Shatterbottom. Und der Manager hatte einiges von seiner Selbstsicherheit eingebüßt, schaute sich immer wieder suchend um. „Was ist geschehen?“, hörte man die Stimme Rüdigers, die Frage ging an den Manager. Er zuckte mit den Schultern, während er sich weiter umsah. „Da war etwas zwischen den Vorhängen“, sagte er dann in gebrochenem Deutsch mit amerikanischem Akzent. „Vielleicht war es auch ein Irrtum, es ist jetzt zu spät.“ Bei diesem lapidaren Erklärungsversuch ließ er es bewenden, stieg über die Körper seiner toten Bewacher und eilte Elias hinterher.
Charlotte erinnerte sich, dass die Gruppe auch den nächsten Raum, das Dampfbad, durchquerte. Nur wusste sie nicht mehr, ob auch da schon die Gestalten am Rande des Raumes auf der Bank gesessen hatten. Sie grübelte, während sie in ihrer Erinnerung durch die warmen wabernden Schwaden, von Walther gestützt, der Gruppe folgte. Aber da war nichts – oder zumindest zeigte sich nichts. Ohne weitere Zwischenfälle hatten die Suchenden die Höhle mit der Quelle erreicht. Alle eilten an Elias vorbei zum Rand der Senke. Die toten Weggefährten waren schnell vergessen, es machte sich eine neue Euphorie breit. Charlotte folgte mit Walther der Gruppe an die Senke. Und dann kam ihr etwas ins Gedächtnis, das sie auch im Hier und Jetzt soeben noch gehört hatte: Blubb!
Während die Gruppe rund um die Quelle gestanden hatte – auch zum damaligen Zeitpunkt hatte der Nebel über dem Gewässer gewabert und das Licht aus der Quelle geschimmert – geschah noch etwas. Es bildeten sich über der sich leicht kräuselnden Wasseroberfläche kleine Blasen, ähnlich wie Seifenblasen, die kleine Mengen des Nebels einschlossen und damit emporstiegen. Erst eine, dann zwei, dann zehn und plötzlich wurden es immer mehr. Es sah faszinierend aus – und mit dem weiterhin aus der Quelle schimmernden Licht, das jene anstrahlte, war es ein atemberaubender Anblick.
Blubb! Mit jedem neuen Geräusch
stiegen weitere Blasen empor, das Leuchten der Quelle umspielte sie, es war
faszinierend und schaurig zugleich. Ein Schauspiel, wie man es wohl nur einmal
im Leben erlebte – alle starrten gebannt auf die erhabene Szene, die so viel
Schönheit in sich barg – aber auch den sicheren Tod.