Schneideratelier am seidenen Faden

Unter die Haut

Vor nicht allzu langer Zeit lebte im schönen Städtchen Ulm ein berühmte Schneider. Talentiert wie er war, wurde er von allen bewundert und beneidet. Doch niemand beneidetet ihn mehr um sein Können und den Ruhm als seine eigene Schwester. Stets im Schatten ihres Bruders und von allen wenig beachtet zog sie schließlich fort nach Cleebronn, um dort ihr Glück zu versuchen. Dank ihres Fleißes und ihrer Begabung waren ihre Werke schnell beliebt. Sie bemühte sich ihren Bruder stets zu überstrahlen, der sie scheinbar immer noch aus dem fernen Ulm übertrumpfte. Denn egal wie schön ihre Stickerei auch war, egal wie gut sie etwas säumte – sie war nie zufrieden. Sie strebt nach beständiger und überdauernder Perfektion – für sich selbst, ihre Werke und ihre Umgebung. Doch sie konnte ihrem Standard nie gerecht werden, nie war sie gut genug und nie erreichte sie ihre Ziele. Mit der Zeit wurde sie immer wirrer, ihre Arbeiten wurden immer abstrakter und schließlich verwandelte sich ihr Streben in Wahnsinn.
Ihre Schneiderstube verwandelte sich in ein Labyrinth des Grauens und in ihrem Wahn erkannte sie nicht, dass ihre Umgebung sich mit dem Verfall ihres Geisteszustands in etwas Abscheuliches verwandelt. Bald schon reichten gewöhnliche Stoffe nicht mehr aus und sie griff zu feinem Leder, doch auch das reichten ihrem Standard nicht - bis sie irgendwann zu menschlicher Haut griff – und erst jetzt war sie mit dem Ergebnis zufrieden. Sie wählte nur die schönsten Gesichter, nur die reinste Haut um daraus ihre Kleider zu nähen. Doch sie war einsam und schließlich nähte sie sich Puppen, die ihre Gesellschaft leisten sollten. Ihr Hunger nach Mehr ist unstillbar und sie lockt weitgehend arglose Besucher in ihr Labyrinth um sie ins Verderben zu stürzen.
Die schönsten Menschen behält sie für sich um daraus Kleider und Puppen zu nähen - alle Mangelexemplare machen sie wütend und werden verbrannt. Manchmal behält sie auch einen besonderen Besucher bei sich, denn ihre Kunst ist schwer und sie braucht Personal, das für sie die schmutzigeren Arbeitsschritte übernimmt. Sie näht ihnen Fäden an und verwandelt sie in Marionetten, die ihr dienen und ihren Willen ausführen… auch wenn manche Fäden nach so langer Zeit vielleicht ein wenig locker sitzen…
Unter die Haut – Bild 1
Unter die Haut – Bild 2
Unter die Haut – Bild 3
Unter die Haut – Bild 4

Daten & Fakten

Spielzeit
seit 2022
Gruselfaktor
extrem
Schreckfaktor
hoch
Lage
Im Waschhaus (Wartebereich des "Waschzuber-Rafting")
Unter die Haut – Hero
Die Geschichte zum Maze „Unter die Haut“ von Mathias Schwappach

Ein Opfer für die Schneiderin

Ratta-tatatat!

Ein Schmerzensschrei im Dunkeln schrillt. 

Ratta-tatatat!

Blutende Körper, der Haut enthüllt.

Ratta-tatatat!

Die Nähmaschin‘ schafft fürderhin

Ratta-tatatat!

Ein Kleid aus Haut der Schneiderin.  

Ich weiß nicht mehr, wie ich hierhergekommen bin. Ich liege auf einem steinernen Boden. Es ist dunkel, es riecht modrig und meine Hände sind auf den Rücken gekettet. Nachdem das Bewusstsein schleppend träge in meinen Körper zurückgekehrt ist, spüre ich den Schmerz am Hinterkopf, wo mich ein Schlag traf und niederstreckte. Schmerz an den Füßen, die nur noch in Fetzen an meinem Körper hängen. Und nur mühsam werde ich meiner Gedanken Herr, die mich an Dinge erinnern, die ich lieber gleich wieder verdrängen möchte.

Es ist mir kaum möglich, klar zu denken. Ich sollte nicht gar nicht hier sein! Der glücklichste Tag meines Lebens hätte es werden können. Meine Zukünftige wartet nun vergebens vor dem Altar, glaubt an Betrug und Verrat – und ich liege hier, wurde zuletzt selbst betrogen und verraten.

Langsam drängen sich Bilder vor mein inneres Auge und lassen die Ereignisse der letzten Stunden noch einmal revuepassieren. Soeben wollte ich mich in die Gemächer des Bräutigams begeben, öffnete die Tür, nur um im Zimmer meine künftige Schwiegermutter anzutreffen. Sie hielt eine riesige Schere in der Hand und hatte sich an meinem auf dem Bett liegenden Anzug zu schaffen gemacht, worin ich alsbald meine Frau, ihre Tochter, zum Altar führen wollte. Er lag in Fetzen vor mir.

Aufrichtig erschrocken über mein Eintreffen hatte sie mich vielfach um Verzeihung gebeten. Nur eine Kleinigkeit habe sie richten wollen, um die perfekte Robe noch ein wenig perfekter zu machen – und nun sehe sich einer dieses Schlamassel an! Aber ich solle mich nicht grämen, vernahm ich den schwachen Trost. Sie wisse einen Ort, wo man diese kleine Lappalie im Handumdrehen würde beheben können. Die Schneiderin von Ulm habe fürwahr einen ausgezeichneten Ruf! Und obschon ich noch nie von dieser Autorität gehört hatte, vertraute ich doch dem Urteil und dem Beistand dieser Frau, die mich offenbar ins Verderben schickte. Ach, hätte sie mir doch gleich die Schere zwischen die Rippen gerammt! Stattdessen übergab sie mir die Fetzen meiner Hochzeits-Tracht, legte mir ihre Hände auf beide Schultern und sah mich eindringlich an. „Es empfiehlt sich stets, den eigenen Platz im Leben zu kennen und zu akzeptieren, mein Sohn“, sagte sie. „Es sind nicht die Kleider, die Leute machen. Es sind vielmehr die Kreise, die dich entweder aufnehmen und eingliedern. Oder sie befinden, dass du dieser Gesellschaft fremd bleibst, so sehr du dich auch bemühst, dich als einer der ihrigen zu tarnen – denn du kannst nicht aus deiner Haut, mein Lieber. Meistens nicht.“ Sie lächelte kalt und schickte mich fort. Und ich blinder Narr hielt es für eine Lektion und eine Unterstützung – und tappte in diese Falle.

Mein Weg führte mich in die entlegensten Winkel der Stadt. Fernab der Straßen und Plätze, wo das Leben blüht – und hinein in die Abgründe des Daseins, die man allzu gerne verleumdet, um sich den schönen Schein einer sorglosen Welt bewahren zu können. Genau hier, wo niemand gezielt eintrifft, sondern höchstens en passant einen Eindruck erhascht, lag dieses kleine, alte Waschhaus unter der Adresse, die meine Schwiegermutter mir genannt hatte. Hier sollte sie residieren, die Schneiderin von Ulm, die meinen Anzug und meinen Hochzeitstag retten sollte. Ein Klopfen an der Eingangstür blieb ohne Reaktion. Ich rief – auch dies blieb unbeantwortet. Unsicherheit bemächtigte sich meiner: War ich hier richtig? Kam ich ungelegen? War ich willkommen? Gemischte Gefühle kämpften in meinem Inneren um die Oberhand, als sich das düstere Gemäuer vor mir erhob – bis ich mir ein Herz fasste und den Knauf der Eingangstür herumdrehte, um einzutreten.

Als ich das düstere alte Waschhaus betrat, beschlich mich ein mulmiges Gefühl. Im schummrigen Lichtschein konnte ich kaum meinen Weg vor Augen erkennen, tastete mich zaghaft voran – und plötzlich fiel die Tür hinter mir ins Schloss. Ohne jedes Zutun, ohne den zaghaftesten Windhauch, wie von Geisterhand zugestoßen – und die Falle war zugeschnappt. Erschrocken machte ich kehrt und versuchte mit aufkeimender Verzweiflung sie wieder zu öffnen. Jedoch vergeblich, ich war gefangen, der Ausweg blieb versigelt. Es blieb mir nur der eine Pfad, hinein ins Waschhaus, durch die Dunkelheit – auf der Suche nach der Schneiderin. Und mit jedem Schritt, den ich tat, reifte in mir immer mehr die Gewissheit heran, dass dieser Besuch ein Fehler gewesen war – und kein gutes Ende nehmen würde.

Von Raum zu Raum schritt ich voran. Vorbei an wallenden Laken, skurrilen Puppen, obskuren Gerätschaften. Ein beständiges Rattern drang immer wieder an mein Ohr. Untermalt von einem, Flüstern und Zischeln aus den dunklen Ecken der Räume, die ich durchquerte. Und dann und wann mischten sich eine Art Wimmern, Schluchzen oder unterdrückte Schreie in die Geräuschkulisse, die ihr Übriges tat, um mich das eigentliche Ziel meiner Unternehmung vergessen zu machen – und die Suche nach einem Ausgang immer dringender und geradezu lebensrettend erscheinen ließ.   

Ich hielt mich selbst im Dunkeln, schlich an Folterknechten vorbei, die im Begriff waren, jungen Mädchen die Haut abzuziehen. Pirschte mich durch wüste Gärten, deren Pflanzen mich zu verschlingen drohten. Und stahl mich vorüber an Arrangements von hunderten von Puppen, von den einige schier lebendig wirkten. Ich eilte mich, auf leisen Sohlen und tunlichst ungesehen diesen Szenarien zu entrinnen – hoffend, dass es für mich selbst ein Entrinnen geben würde. Doch war es längst zu spät.

Wie groß mochte dieses Waschhaus sein? Der Weg kam mir endlos vor. Und die bizarren Szenarien, das karge Licht, die beängstigenden Klänge und Bilder ließen meine anfängliche Unsicherheit einer immer größer werdenden Angst, gar Panik weichen. Ich musste raus aus diesem Gebäude, so schnell wie möglich. Und würde ich auch nackt vor dem Altar stehen … sollte ich jenen überhaupt noch erreichen. Zwar war ich gutgläubig gewesen, jedoch kein Tor: Es wurde mir zunehmend bewusst, dass die Mutter meiner Braut mich auf eine Reise ohne Widerkehr geschickt hatte. Ich hatte alles verloren.

Ein weiterer düsterer Raum lag vor mir, das beständige Rattern war hier laut und deutlich zu vernehmen – und hielt inne, als ich eintrat. „Ich habe Euch erwartet!“, drang eine Stimme an mein Ohr, doch vermochten meine Augen die Dunkelheit nicht zu durchdringen. „Lasst uns sehen, was wir hier haben!“ Ich hörte ein Sausen, verspürte einen Luftzug und einen brennenden Schmerz oberhalb der linken Ferse. Das Geräusch wiederholte sich aus einer anderen Richtung des Raumes, auch an meinem rechten Fuß wurden die Sehnen durchtrennt. Mein Stand gab sofort nach, ich taumelte und ging stöhnend vor Schmerz zu Boden. „Sträubt Euch nicht, es hat keinen Sinn!“, spottete die Stimme und fuhr herrisch fort: „An die Arbeit, Lumpenpack! Nehmt ihn! Und liegt mir nicht länger mit eurem Gejammer in den Ohren.“ Dann traf mich der Schlag am Kopf, der mir das Bewusstsein raubte. Bis jetzt.

Als ich blinzelnd emporblicke, kaum fähig, mich zu rühren, sehe ich über mir das kalte Lächeln einer feinen Lady. „Welch wundervolle Haut“, sagt sie und streicht mir mit der Hand über die Wange. „Er ist nun wach, macht euch an die Arbeit!“ Aus den Augenwinkeln nehme ich Bewegungen rings um mich in der Dunkelheit wahr. Es sind jedoch keine Personen, die sich kriechend, krabbelnd, kichernd auf mich zu bewegen. Je nähert sie kommen, umso mehr gewinnen ihre Silhouetten an Schärfe: Es sind die Puppen. Mit starren Blicken, gegossenem Lächeln auf den Porzellangesichtern – und Messern in ihren Händen. Ich will mich befreien, doch die Ketten sind straff. Es gibt keinen Ausweg, der Kreis der Puppen um mich schließt sich. Ringsum erheben sie ihre Hände mit den scharfen Klingen, harrend dem einen Befehl – und den letzten Worten, die ich in meinem Leben höre. „Wohlan, tief unter die Haut!“  

Ratta-tatatat!

Der Tölpel aus dem Weg geräumt!

Ratta-tatatat!

Die Nähmaschine sticht und säumt.

Ratta-tatatat!

Die Puppen-Schar die Klingen schwingt.

Ratta-tatatat!

Die Schneiderin ihr Werk vollbringt.

Ein Opfer für die Schneiderin