Ruinen eines antiken Badetempels nahe Tripsdrill

Mit allen Wassern gewaschen

Der Wunsch der Menschheit nach ewiger Jugend ist so alt, wie die Zeit selbst. Viel wurde erforscht und versucht, doch tief im Schwabenländle scheint man fündig geworden zu sein. Gerüchte besagen, dass in den Ruinen eines antiken Badetempels nahe Tripsdrill der berühmte Jungbrunnen entdeckt wurde. Eine Quelle der Verjüngung und des ewigen Lebens.
Einige Forscher machten sich bereits auf den Weg, um den Hinweisen auf den Grund zu gehen. Jedoch fehlt seit betreten der Ruine jede Spur von ihnen. Eine Gruppe furchtloser Entdecker macht sich nun auf den Weg um den Verbleib der Forscher zu klären und um herauszufinden, was es mit dem Jungbrunnen auf sich hat. Bringt er tatsächlich die versprochenen Wunder, oder steckt etwas weitaus Düstereres dahinter?
Mit allen Wassern gewaschen – Bild 1
Mit allen Wassern gewaschen – Bild 2
Mit allen Wassern gewaschen – Bild 3
Mit allen Wassern gewaschen – Bild 4

Daten & Fakten

Spielzeit
seit 2024
Gruselfaktor
hoch
Schreckfaktor
hoch
Lage
Auf der Wiese hinter der Burgschenke
Mit allen Wassern gewaschen – Hero
Die Geschichte zum Maze „Mit allen Wassern gewaschen“ von Mathias Schwappach

Die Tribute des Jungbrunnens

Kapitel 6

Es plätscherte, es funkelte, eine Art Flüstern lag in der Luft. Es war ein atemberaubendes Zusammenspiel von Klängen und Lichtspiel. Vor den drei Quellensuchern tat sich eine große, erhabene Höhle auf, kreisrund und mindestens vier bis fünf Meter hoch, wobei die Wände weit über ihnen gleich einem Trichter spitz zusammenliefen. Einen großen Teil der locker 50 Meter durchmessenden Höhle nahm wiederum eine Senke ein, über deren Ränder man vom Eingang aus noch nicht blicken konnte. Rund um diese Öffnung waren acht deckenhohe, tempelartig aus Stein gehauene Säulen gruppiert, die breit genug waren, um zwei bis drei Menschen hinter sich zu verbergen. Über die Senke führte mittig, zwischen den Säulen hindurch, eine schmale Brücke. So eindrucksvoll der Anblick im fahlen Licht, das schimmernde Silhouetten an die Wände zauberte, auch war – es war zugleich äußerst unheimlich.

Elias setzte Walther vorsichtig an einer der Wände ab, sodass jener sich anlehnen und gleichfalls die Höhle überblicken konnte. Elias richtete sich auf, streckte sich einen Moment zur Entspannung nach der langen Tragelast und schüttelte die Arme aus. „Es ist geschafft“, sagte er halb zu Charlotte, halb zu sich selbst. Er sah über die Schulter zu seiner jungen Begleiterin, die immer mehr ein eigenartiges Gefühl beschlich. Sie konnte es nur nicht so richtig einordnen. „Komm‘ mit mir“, sagte Elias und reichte ihr die Hand. Er wiederholte einen Satz, den er schon in der Klinik zu ihr gesagt hatte: „Der Zauber hat nicht so gewirkt, wie er es sollte. Wir müssen einen Fehler korrigieren – wir gehen zur Quelle.“

Langsam schritten die beiden an die Quelle heran, standen dann seitlich zwischen zwei der Säulen, und sahen hinab in die Senke. Das kreisrunde Becken war bis knapp unter den Rand mit Wasser gefüllt. Nach einem Meter etwa war im klaren Wasser ein steiler Abfall der Wände erkennbar, hinab in eine schier unergründliche Tiefe. Doch es war nicht dunkel dort unten, ganz im Gegenteil. Aus der Quelle heraus – oder war es der Jungbrunnen selbst? – war ein Leuchten zu erkennen, das im und aus dem Wasser strahlte, sich in der kräuselnden Oberfläche der Senke brach und ein beeindruckendes Spiel von Lichtfetzen an die Wände der Höhle projizierte. In der Mitte der Quelle, direkt über der unergründlichen Tiefe und unter der Brücke, war ein leichtes Sprudeln zu erkennen, von wo offenbar das Plätschern herrührte. Und noch etwas fiel sofort auf.

„Woher kommt dieser Nebel?“, sprach Charlotte den Gedanken laut aus. Über der Wasseroberfläche waberten sachte weiße Nebelschwaden. Erst vereinzelt, dann immer mehr – und nun gefühlt an Dichte und Intensität gewinnend. Während Charlotte beobachtete, wie immer mehr Nebel die Senke durchströmte, glaubte sie plötzlich aus dem Augenwinkel auch hinter sich eine Bewegung wahrgenommen zu haben. Sie wirbelte herum und suchte im fahlen Licht der Quelle, das nun auch noch durch den Nebel gedämpft wurde, mit zusammen gekniffenen Augen die Ränder der Höhle ab. „Hast du das auch gesehen?“, fragte sie. Doch wie schon ihre erste Frage, die an Elias gerichtet gewesen war, blieb auch diese unbeantwortet. Das fiel ihr nun umso mehr auf und sie drehte sich rasch zurück. Elias war verschwunden.

Charlotte spürte es wie einen Stich im Herzen. Wo war ihr Begleiter nur geblieben? Eine Gänsehaut kroch ihren Rücken herauf, und wo sie sich bis eben noch ein Fünkchen Hoffnung für sich und Walther bewahrt gehabt hatte, breitete sich nun eine kalte, lähmende Furcht aus. Gerade eben hatte Elias noch ihre Hand gehalten und mit ihr hinab in die Quelle gestarrt. Sie hatte nicht mitbekommen, wie er den Griff gelöst und sich entfernt hatte. Oder hatte sie selbst seine Hand losgelassen? Und war er womöglich gar nicht gegangen, sondern verschleppt worden? Hatte die Bewegung in den Schatten hinter ihr damit zu tun? Und plötzlich traf sie die Erkenntnis wie ein Schlag: Was war mit Walther?

Sie hastete um die Säule herum, zurück zum Eingang. Und ihr Herz tat einen erleichterten Sprung. Walther saß noch immer an der Stelle, wo Elias ihn abgesetzt hatte. Charlotte rannte zu ihm und ging vor ihm in die Hocke. Sein Kinn war hinab auf die Brust gesunken und er schien eingenickt zu sein. Charlotte schüttelte ihn leicht an der Schulter, woraufhin er mit einem Zucken erwachte. „Lottchen?“, stammelte er. „Bist du es? Bist du hier?“ Sie lächelte. Schon bald würde auch ihm diese Last von den Schultern genommen werden, davon war sie überzeugt. Und vielleicht würden sie als junge Menschen in einer neuen Zeit ihre Liebe noch einmal ganz neu genießen können. Oder auch nicht? Charlottes Gefühle waren uneins – nur einer Tatsache war sie sich sicher: Sie musste diesem treuen und aufopfernden Mann helfen. Dieser Gedanke verlieh ihr neue Kraft. „Ich bin hier, Walther“, sagte sie sanft. „Ich helfe Dir jetzt hoch, wir gehen gemeinsam zur Quelle. Dann haben wir es geschafft.“

Sie half dem alten Mann langsam auf die Beine und spähte dabei weiter um sich. Sie glaubte, das Wispern in der Stille sei lauter geworden, immer mehr Bewegungen glaubte sie in den Schatten rund um das Säulenwerk in dem riesigen Kuppelgewölbe wahrzunehmen, der Nebel waberte bereits über die Ränder der Senke hinweg. Und immer wieder mischte sich ein leises, aber unüberhörbares neues Geräusch in diese gespenstische Atmosphäre mit ein: ein sanftes „Blubb“. Noch konnte Charlotte nicht erkennen, wo das herrührte, aber es war ihr im Grunde auch gleichgültig. Sie wollte nur noch rasch ihren Mann zur Quelle bringen, ihn von dem Wasser trinken lassen und dann, so hoffte sie, hätte dieser Spuk endlich ein Ende. Als jüngere Menschen mit frischer Kraft würden sie den Weg zurück leicht nehmen, die Höhle verlassen und nie wieder hierher zurückkehren. Sie ächzte unter dem Gewicht des Greises, der – ohne jede Körperspannung wie ein nasser Sack mit einem Arm um ihren Nacken und Schulter, von ihr um die Hüfte gefasst und gestützt – für jedes kleinste Schrittchen eine scheinbar unendliche Kraft aufbringen musste. Wie sehr wünschte sie sich Elias zurück, der Walther wohl mit dem kleinen Finger Richtung Quelle bugsiert hätte. Wo war dieser nur geblieben?

Mühsam und nach gefühlt einer endlos langen Zeit erreichten sie schließlich den Rand der Senke. Dort ließ sie Walther zu Boden sinken, etwas ruppiger, als sie eigentlich wollte. Und auch Charlotte ging mit zu Boden und rang nach Atem. Der Nebel waberte inzwischen so hoch, dass er die Wasseroberfläche ganz bedeckt hatte. Aber durch den weißen Dunst hindurch war noch immer das Leuchten der Quelle zu erkennen. Es hatte jetzt begonnen, zu pulsieren: Aus dem permanenten bläulichen Leuchten war ein stetiges, immer wiederkehrendes Verdunkeln und wieder Erhellen geworden, das an Intensität von Mal zu Mal zunahm. Und wieder glaubte Charlotte, in den Schatten zwischen den Säulen am gegenüberliegenden Rand der Quelle eine Bewegung wahrzunehmen. War es womöglich Elias? Sie verzichtete für den Moment darauf, die Antwort auf diese Frage zu suchen, und konzentrierte sich stattdessen auf Walther, der schwach und gebrechlich am Rand der Grube lag.

Charlotte kroch bis an den Rand der Senke heran, streckte ihre Hand aus, in den Nebel hinein, bis sie an den Fingerspitzen das Wasser fühlte. Sie wollte mit der hohlen Hand etwas schöpfen, dies Walther zu trinken geben, und dann – sobald er wieder jung und kräftig war – mit ihm so schnell wie möglich von diesem unheimlichen Ort verschwinden. Doch es kam alles ganz anders als gedacht.

Im selben Moment, da Charlotte das Wasser berührte, durchzuckte etwas ihren Körper, als sei sie von einem Blitz getroffen worden oder habe an ein Starkstromkabel gefasst. Von ihren Fingerspitzen aus wallte eine ungeheure Hitze und gleichzeitig Kälte durch ihren Leib; eine Spannung nie gekannter Intensität, die in Sekundenbruchteilen wellenartig ihren Körper mehrfach durchlief. Charlotte schrie. Ihre Sicht wurde schwarz und helle Lichtreflexe tanzten vor ihren Augen, während ihr Körper von einem heftigen Beben erfasst wurde und schmerzerfüllt neben der Senke kauerte.

Ihre Hand hing noch immer hinab in die Senke. Doch Charlotte hatte alsbald das Bewusstsein verloren. Und derweil der Nebel der Quelle ihren zuckenden Körper immer weiter umwaberte, begannen sich die zähen Nebelschwaden über ihrer Erinnerung zu lüften – und die Eindrücke ihres letzten Besuchs bei der Quelle kehrten mit Macht zurück. Bilder über Bilder strömten auf sie ein und prasselten zurück in ihr Bewusstsein, welches Mühe hatte, alle wieder in eine sinnvolle Reihenfolge zu bringen. Doch immer weiter gewann sie Klarheit und es gelang Charlotte zu erfassen, was ihr Geist längst wahrgenommen, ihr Bauchgefühl warnend gemahnt und ihre Erinnerung nun an gesicherter Erfahrung über diesen Ort in ihr Bewusstsein hämmerte. Es war kein sicherer Ort, es war kein heilbringender Ort – sie waren in Gefahr. „Lottchen?“, fragte Walther. „Bist du noch hier? Lottchen?“ – Doch Charlotte blieb stumm. Die Gewissheit ihrer jüngsten Vergangenheit bemächtigte sich ihres bebenden Körpers. Und ihre Bestimmung wurde offenbar.

Die Tribute des Jungbrunnens