Mit allen Wassern gewaschen
Einige Forscher machten sich bereits auf den Weg, um den Hinweisen auf den Grund zu gehen. Jedoch fehlt seit betreten der Ruine jede Spur von ihnen. Eine Gruppe furchtloser Entdecker macht sich nun auf den Weg um den Verbleib der Forscher zu klären und um herauszufinden, was es mit dem Jungbrunnen auf sich hat. Bringt er tatsächlich die versprochenen Wunder, oder steckt etwas weitaus Düstereres dahinter?
Daten & Fakten
Die Tribute des Jungbrunnens
Kapitel 4
Das Auto fuhr noch ein gutes Stück durch den Wald, bevor es zum Stehen kam. Es war kaum noch etwas zu erkennen, längst war die finsterste Nacht über den hiesigen Naturpark hereingebrochen. Und fernab der Straße war es so still, als hätte die Welt den Atem angehalten. Nur die Geräusche des nächtlichen Waldes durchbrachen dann und wann diese tiefe Ruhe. Und auch das Fahrzeug der drei Menschen, das sich seinen Weg weit abseits aller Wege bis an den Rand einer Schlucht bahnte, störte das friedliche Idyll, das nur durch die sanfte Erleuchtung des Mondes seine Existenz verriet.
Elias lenkte das Auto bis auf wenige Meter an die Schlucht heran. Dann stoppte er den Motor und stellte die Bremse fest. „Von hier aus müssen wir laufen“, erklärte er. Charlotte war etwas überrascht: „Es geht hier steil nach unten“, sagte sie mit einem Kopfnicken in Richtung der Schlucht, deren Tiefe von den Scheinwerfern des Wagens nicht zu ergründen war. „Wie sollen wir diesen Abstieg gemeinsam mit Walther schaffen? Er ist offenbar äußerst schlecht zu Fuß – und mit dem Rollator wird der Weg noch abenteuerlicher.“ Elias hielt inne. „Ich werde ihn tragen“, sagte er dann. „Das bisschen Haut und Knochen werde ich schaffen. Und wir können schlecht ohne ihn zur Quelle, wenn der Zauber seine Wirkung entfalten soll.“ Charlotte nickte. Sie dachte an den durchtrainierten Oberkörper, der sich unter Elias’ Shirt verbarg – und konnte sich ein leichtes Seufzen nicht verkneifen.
Die beiden vorne Sitzenden stiegen aus. Elias hob Walther vom Rücksitz aus dem Auto und trug den uralten Mann auf den Armen wie einen Säugling. „Es ist nicht weit“, sagte Elias. „Nur dort hinunter und dann am tiefsten Punkt ein Stück nach Norden, bis zum Eingang einer Höhle.“ Sie machten sich auf den Weg und es stellte sich heraus, dass eine Tour durch den Wald, im dichtesten Dickicht eines Abhangs und mit lediglich einem schmalen Sichelmond als Beleuchtung, äußerst beschwerlich war. Charlotte wollte fragen, weshalb Elias – der ja von diesem Trip im Vorfeld gewusst hatte – nicht für ein paar Lampen hätte sorgen können. Aber da der Hüne, der vor ihr her trottete, nach wie vor ihren greisen Ehemann auf Händen trug und ihm somit augenscheinlich das Leben retten würde, schwieg sie und grummelte in sich hinein. Immerhin, so stellte sie fest, fiel ihr dieser Marsch wesentlich leichter als ihre letzten Unternehmungen zu Fuß, als sie noch der „55 Plus“-Generation angehört hatte. Sie freute sich sehr darauf, bei dieser „zweiten Runde“ nochmal vieles im Leben auszuprobieren, das ihr im ersten „Anlauf“, in den 70er- und 80er- Jahren, noch nicht möglich gewesen war.
Sie waren nun ganz unten in der Schlucht angelangt. Nun gingen sie Richtung Norden, Elias mit Walther voran, Charlotte dicht hinter ihm. Das Laub und kleine Zweige auf dem Waldboden raschelten und knackten unter ihren Füßen. Jeder Schritt war ein Tasten und langsames Vorrücken, um nur nicht auf irgendetwas zu treten oder gar zu stürzen. Das junge Mädchen hatte ein wenig das Zeitgefühl verloren, nach einer ganzen Weile des Fußmarsches blieb Elias dann plötzlich stehen. „Wir sind da“, sagt er und wies auf einen Baum, der sich eigentlich auf halber Höhe des Schluchthanges erhob, dessen Wurzelwerk indes auf einer Seite aus der Erde herausragte und bis zum Fuße der Schlucht wucherte. Charlotte ging etwas näher, ihre Augen hatten sich inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt und sie glaubte hinter den Wurzelsträngen etwas zu erkennen. Wer ganz genau hinsah, konnte hinter den Wurzeln den Eingang zu einer Höhle erkennen. Die Wurzeln des Baumes verdeckten den Zugang, gleich eines stabilen, hölzernen Vorhangs.
Elias setzte Walther vorsichtig ab und trat an die äußeren Wurzen heran. „Hier geht es hinunter zur Quelle. Wir kommen noch rechtzeitig, die Frist ist jedoch fast verstrichen. Danach müssten wir bis zur nächsten Mondfinsternis warten, bis sich wieder ein neues Zeitfenster für die Erwählten öffnet“, sagte er zufrieden. Nachdem er den Eingang genau inspiziert und einen Durchgang im Wurzelwerk gefunden hatte, den er mit Walther auf dem Arm passieren konnte, hob er den alten Mann wieder auf und zwängte sich mit ihm auf den Armen durch die starken Wurzeläste. Charlotte folgte ihm. Sie standen nun in einer ovalen, steinernen Öffnung, von der es noch weiter, tief unter die Erde zu gehen schien. Die vor ihnen liegende Schwärze war indes für die Augen undurchdringlich. Das wenige Mondlicht, das den angepassten Augen draußen noch vage Schemen offenbart hatte, war hier absent – und es herrschte nur noch Finsternis.
Charlottes Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie konnte sich nicht entsinnen, hier schon einmal gewesen zu sein, auch wenn das definitiv der Fall sein musste. Wie war sie sonst zur Quelle gelangt und nun wieder ein junges Mädchen? Die Finsternis des Stollens glich aber durchaus jener in ihrer Erinnerung: Es war absolut nichts erkennbar. Sie folgte Elias, der an einer der Wände stehen geblieben war, Walther auf dem rechten Arm hielt, als wäre er ein Stofftier, und mit der linken Hand über die Felswand tastete. Plötzlich stoppte die Hand und befühlte eine Stelle genauer. Dann sprach er über die Schulter zu Charlotte. „Bitte hilf mir. Ich habe ein Klappmesser in der rechten Hosentasche, bitte hol‘ es heraus.“
Charlotte wurde es heiß und kalt. Sie wusste nicht, ob es Aufregung, Furcht oder eine leichte Erregung war. Jedenfalls trat sie von hinten an Elias heran und schob ihre Hand unter seinem rechten Arm hindurch in seine Hosentasche. Nach kurzem Tasten fand sie das Messer und zog es heraus. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass ihr Begleiter … ein Messer dabei hatte. Wofür? Sie beschlich ein ungutes Gefühl.
„Hast du es?“, fragte Elias. „Ja, gefunden – aber wofür brauchen wir das?“, erwiderte Charlotte. „Das wirst du gleich sehen“, sagte der große Mann, der sich nun umdrehte und ihr seine linke Hand hinhielt. „Klapp‘ es auf und schneide mir in die Handfläche“, wies er das Mädchen an. Charlotte sah ihn erschrocken an: „Was soll ich tun? Das kann ich nicht!“ Elias seufzte: „Natürlich kannst du das, es ist dir beim ersten Mal auch nicht schwergefallen. Und es ist nicht meine einzige Narbe an dieser Stelle. Bitte beeil dich jetzt, wir haben nicht mehr viel Zeit.“ Charlotte schluckte ihre Bedenken herunter. Sie klappte das Messer auf, trat an den Mann heran und zog die scharfe Klinge einmal quer über dessen Handfläche, woraufhin sofort Blut austrat. Elias verzog keine Miene, drehte sich wieder um und legte die blutende Handfläche auf die Stelle, die er soeben ertastet hatte. „Gleich werden wir sehen, ob wir noch hineinkommen“, sagte er dabei.
Und dann geschah es: In dem Moment, da die blutige Hand die Felswand berührte, strahlte der Eingang in einem bläulichen Licht auf. Es war aber nicht nur ein Licht, sondern es ging aus von mehreren Symbolen, fremdartigen Schriftzeichen, die kreisrund um den Eingang herum in die Wand eingeprägt waren – oben, unten, links und rechts – und aus deren Linien das Licht hervorzubrechen schien. Eines der Symbole befand sich unter Elias’ Hand, leuchtete als erstes auf und war offenbar durch sein Blut aktiviert worden. Alle anderen leuchteten nacheinander ebenfalls auf, bis es zwölf an der Zahl, kreisrund um den Eingang angeordnet, an Boden, Decke und Wänden waren. In ihrem strahlenden Licht war erkennbar, dass hinter dem Eingang ein Schacht in die Tiefe führte. Und auch von Elias, dessen Tätowierungen an den Armen und unter der Kleidung, die den Symbolen an der Wand augenscheinlich sehr ähnlich waren, ging nun ein Leuchten aus.
„Es hat funktioniert“, sagte Elias erleichtert samt einem leichten Triumph in der Stimme und wischte sich das Blut auf seiner Hand an der Kleidung ab. Dann fasste er auch mit der linken Hand wieder Walther, um ihn stabiler tragen zu können. „Die Quelle empfängt uns, es ist noch nicht zu spät.“
Charlotte stand etwas ratlos und verunsichert hinter ihm und starrte ungläubig auf die Symbole. „Was bedeuten diese Schriftzeichen?“, fragte sie leise. Elias wich der Frage aus: „Es sind Wegweiser, die uns zeigen, dass wir hier richtig sind“, sagte er knapp. „Komm‘ jetzt, lass‘ uns das Portal passieren, solange wir es noch können.“ Mit diesen Worten trat er ein, Walther auf den Armen, und trug den alten Mann einen abfallenden Gang hinab in eine neue Schwärze. Charlotte hatte kaum eine Wahl: Sie waren hier, um Walther seine Jugend wieder zu schenken. Natürlich musste es dabei mit einer gewissen Zauberei zugehen – sie selbst war das lebende und atmende Beispiel dafür. Und somit auch Walthers größte Hoffnung. Sie konnte nicht recht begreifen, wo ihr plötzliches Unbehagen herrührte. Und doch bestand keine Wahl: Ihr Ehemann, der alles für sie getan und riskiert hatte, war bereits auf dem Weg nach unten – und es war nun an ihr, ihm auch auf seinem Weg zu folgen.
Charlotte passierte den Eingang
und schritt vorsichtig hinab in die Dunkelheit. Sie konnte nichts erkennen,
vertraute aber darauf, dass Elias ihr den richtigen Weg zur Quelle weisen
würde. Nach wenigen Metern, die sie gegangen war, änderten sich die
Lichtverhältnisse. Der bläuliche Schein der Schriftzeichen am Eingang hinter
ihr war verschwunden und wich einer spärlich-gelblichen Stollenbeleuchtung.
Charlotte sah zurück: Hinter ihr war der Eingang verschwunden und es herrschte
nur noch Schwärze. Vor ihr hingegen, konnte sie wenige Meter voraus Elias‘
sanftes Leuchten erkennen, der weiter voranschritt. Die Entscheidung war
gefallen, es gab kein Zurück mehr. Der Jungbrunnen erwartete bereits seine
Gäste.