Ruinen eines antiken Badetempels nahe Tripsdrill

Mit allen Wassern gewaschen

Der Wunsch der Menschheit nach ewiger Jugend ist so alt, wie die Zeit selbst. Viel wurde erforscht und versucht, doch tief im Schwabenländle scheint man fündig geworden zu sein. Gerüchte besagen, dass in den Ruinen eines antiken Badetempels nahe Tripsdrill der berühmte Jungbrunnen entdeckt wurde. Eine Quelle der Verjüngung und des ewigen Lebens.
Einige Forscher machten sich bereits auf den Weg, um den Hinweisen auf den Grund zu gehen. Jedoch fehlt seit betreten der Ruine jede Spur von ihnen. Eine Gruppe furchtloser Entdecker macht sich nun auf den Weg um den Verbleib der Forscher zu klären und um herauszufinden, was es mit dem Jungbrunnen auf sich hat. Bringt er tatsächlich die versprochenen Wunder, oder steckt etwas weitaus Düstereres dahinter?
Mit allen Wassern gewaschen – Bild 1
Mit allen Wassern gewaschen – Bild 2
Mit allen Wassern gewaschen – Bild 3
Mit allen Wassern gewaschen – Bild 4

Daten & Fakten

Spielzeit
seit 2024
Gruselfaktor
hoch
Schreckfaktor
hoch
Lage
Auf der Wiese hinter der Burgschenke
Mit allen Wassern gewaschen – Hero
Die Geschichte zum Maze „Mit allen Wassern gewaschen“ von Mathias Schwappach

Die Tribute des Jungbrunnens

Kapitel 2

Charlotte war wieder allein. Die

Pflegerin war losgezogen, um eine Ärztin zu suchen, die weitere Untersuchungen an der jungen Jane-Doe-Patientin vornehmen könnte. Charlotte versuchte derweil, ihre Gedanken zu sortieren.

Sie war wieder jung, höchstens 17 oder 18 Jahre alt. Verschwunden war die Frau „im besten Alter“, die seit ihrer Geburt 1962 aus ihr geworden war. All die Jahrzehnte, das Großziehen zweier Kinder, die Arbeit in einem Lokal, das Haus – und die Ehe … alles schien wieder auf null gesetzt. Oder doch nicht? Gab es ihre geliebten Menschen noch irgendwo? Und war sie noch sie selbst? Der Tornado in ihrem Kopf war zu einem regelrechten Hurricane herangewachsen. Ein Sturm, der alles hinwegraffen wollte, dessen sie sich gerade noch so erinnern konnte, woran sie sich klammerte, um in der Welt wieder einen Halt zu finden, und der das Feld bereitete für ein völlig neues Leben. Und dann fiel ihr noch etwas ein: Was war mit dem Krebs?

Es klopfte an der Tür und eine ihr bis dahin noch nicht bekannte Frau steckte den Kopf durch einen Türspalt ins Zimmer. „Hallo, junge Frau! Darf ich hereinkommen?“, fragte sie fröhlich – und war auch schon hineingehuscht, ohne Charlottes Antwort abzuwarten. Sie trug eine weiße Hose, ein weißes Oberteil und einen weißen Kittel, hatte die Brusttasche desselben vollgestopft mit etlichen Utensilien – und das daran baumelnde Namensschild wies sie aus als Ärztin. „Was bin ich froh, dass Sie endlich aufgewacht sind, junge Frau! Ihr Zustand hat mir schon fast schlaflose Nächte bereitet!“

Sie trat an das Bett heran, begann ohne Ankündigung mit diversen Untersuchungen, Puls, Blutdruck, Pupillenreaktion und mehr – dabei plapperte sie munter weiter. „Seit drei Tagen zerbrechen wir uns nun den Kopf darüber, wer Sie sind, woher Sie kommen und wodurch Sie in dieses Koma gefallen sind. Körperlich ist alles tipptopp, Sie müssten eigentlich hier herumspringen wir ein junges Reh – und haben trotzdem drei Tage lang durchgeschlafen. Sehr ungewöhnlich. Hoffentlich sind sie jetzt wenigstens ein bisschen ausgeruht!“ Sie pumpte die Blutdruckmanschette auf.

Die Untersuchte meldete sich zaghaft zu Wort, ihre eigene Stimme klang noch immer fremd in ihrem Ohr: „Ich erinnere mich an eine Krankheit“, sagte sie vorsichtig. „Ich habe einen Hirntumor, Stadium 3. Könnte das Koma dadurch ausgelöst worden sein …?“ Die Ärztin hielt inne und die Überraschung stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben. „Nicht die Spur, junge Frau!“, entgegnete sie überzeugt. „Sie sind bewusstlos hier eingeliefert worden, bei solchen Patienten wird immer bei der Aufnahme ein CT durchgeführt, um Hirnschäden und Verletzungen im Kopf auszuschließen. Und ein Tumor, der wäre uns ganz sicher aufgefallen.“ Sie ließ langsam die Luft aus der Manschette und in Charlottes Arm pochte es. „Sie sind vollkommen gesund! In Ihrem Kopf ist überhaupt gar nichts – außer natürlich den Dingen, die da reingehören“, verbesserte sie sich schnell und lachte. Dann fügte sie noch hinzu: „Wer so eine Diagnose gestellt hat, muss entweder blind sein, oder Sie sind der erstaunlichste Fall einer Wunderheilung, der mir je untergekommen ist.“ Damit war sie der Wahrheit gar nicht so fern.

Charlotte schluckte und zögerte noch, der Freude, die sie soeben überkommen wollte, freien Lauf zu lassen. Es klang zu schön, um wahr zu sein. „Sie sagen mir also, ich bin jetzt jung, ich bin körperlich völlig gesund – und ich könnte vielleicht sogar bald wieder nach Hause gehen?“ Man merkte der Ärztin an, dass die Formulierung der Frage sie ein wenig irritierte. Sie schaute mit einem Holzstäbchen in Charlottes Rachen und antwortete, während sie den Puls fühlte: „Ich kann aus medizinischer Sicht sagen, dass Ihnen absolut nichts fehlt. Nun, da Sie wach und putzmunter sind, stünde noch eine Nacht der Beobachtung an – und danach dürften sie nach Hause gehen.“ Sie stockte noch einmal und sah Charlotte in die Augen. „Wir müssten dazu allerdings noch wissen, wo das eigentlich ist: Ihr Zuhause.“

Da war wieder dieses Loch in Charlottes Gedächtnis. Sie erinnerte sich genau, ein Leben gehabt zu haben. Nur, wo dieses stattgefunden hatte und wer alles daran beteiligt gewesen war, über diesen Erlebnissen lag bislang noch ein dichter, trüber Nebel, der ihre Erinnerung scheinbar undurchdringlich einhüllte.  Wie sollte sie sich dem stellen und die Antworten finden, die auch von außen her von ihr erwartet wurden? Sie überlegte fieberhaft – und die Ärztin sah es ihr an. „Es gibt vielleicht eine Möglichkeit, Ihr Gedächtnis aufzufrischen“, sagte sie dann vorsichtig.

Charlotte wurde aus ihrem Gedanken-Wirrwarr gerissen und blickte die Ärztin erwartungsvoll an. Jene fuhr fort: „Sie hatten zwar keinerlei Ausweisdokumente bei sich, jedoch einen goldenen Ring am Finger“, erklärte sie dann. Charlotte sah auf ihre rechte Hand und erblickte das Schmuckstück. „Auf der Innenseite des Ringes sind die Namen Charlotte und Walther samt einem Datum aus dem Jahr 1984 eingraviert. Kennen Sie zwei Menschen, die so heißen? Sind das womöglich Ihre Großeltern?“

Die Patientin begriff den Gedankengang der Ärztin, sah aber nun den Zeitpunkt gekommen, dies aufzuklären. „Charlotte, das ist mein eigener Name“, sagte sie dann und wartete auf eine Reaktion ihres Gegenübers. „Ach wie reizend! Sie wurden nach Ihrer Oma benannt? So etwas gibt es ja heutzutage kaum noch!“, rief die Ärztin verzückt aus. Charlotte konnte ihr die falsche Schlussfolgerung kaum verdenken, verdrehte aber innerlich dennoch die Augen und fragte sich, wie jene wohl ihr Medizinstudium geschafft haben mochte. „Dann gibt es wirklich eine Chance!“, sagte die Ärztin dann, und Charlotte wurde wieder aufmerksam: „Ach ja? Und welche?“

Die Ärztin setze an: „Während Sie geschlafen haben, gab es mehrere Suchmeldungen bundesweit nach vermissten Personen, die aber alle nicht in Ihrem Alter waren oder auf Ihr Aussehen gepasst hätten – wohl aber eine nach einer Frau namens Charlotte“, erklärte sie. „Noch interessanter ist, dass sie aufgegeben wurde von einem Herren mit dem Vorname Walther, der auch selbst nach der vermissten Frau suchte. Und da nun die Namen auf Ihrem Ring so ähnlich sind, wurde er von der Polizei hierher geschickt. Wir hatten gehofft, er könnte Sie identifizieren.“

„Er ist hier in dieser Klinik?“, fragte Charlotte etwas verblüfft. Die Ärztin nickte. „Ja, er kommt seit zwei Tagen als Besucher – obwohl das für ihn sicherlich beschwerlich ist – und wartete von morgens bis abends darauf, Sie sehen zu dürfen. Wir konnten es nur bislang nicht verantworten, da er ja nicht unbedingt ein Angehöriger ist. Aber nun, da Sie wach sind, können Sie es selbst entscheiden. Er sitzt im Wartebereich. Meine Untersuchung ist abgeschlossen. Möchten Sie ihn gerne empfangen?“

Charlotte nickte sofort. „Ja, schicken Sie ihn bitte herein.“ Ihre Gedanken überschlugen sich. Wenn es bei ihr funktioniert hatte, dann war Walther inzwischen mit Sicherheit auch wieder ein junger Mann – und sie beide konnten wieder ganz neu beginnen. Eine ganz neue Welt lag vor ihnen und sie konnten als junge Menschen nochmal durchstarten. Langsam gewann die Freude in ihr die Oberhand.

Die Ärztin verließ den Raum. Alsbald klopfte es an die Tür und Charlotte rief: „Herein!“ Langsam öffnete sich die Tür und herein kam, auf einen Rollator gestützt und von einem etwas jüngeren Mann geführt, ein alter, ein wirklich alter Mann; ein Greis, der gebeugt, zitternd und von körperlichem Verfall gezeichnet sich gerade noch so fortbewegen und aus den Augen schauen konnte. Charlotte war verblüfft. Sie war erschrocken, sogar schockiert. Das war nicht „ihr“ Walther. War womöglich der jüngere von beiden ihr Mann – der sah ihm aber überhaupt nicht ähnlich? Sie wartete, bis das Duo an ihr Bett herangekommen war und der junge Mann dem Alten einen Stuhl zurechtgeschoben hatte, auf den dieser sich langsam, sehr langsam, niederließ. Ihr Gedanken wirbelten wieder. Wer waren die beiden?

„Lottchen!“, stammelte der Greis, leise und heiser, aber durchaus hörbar. Es versetzte Charlotte einen Stich ins Herz und brach eine Lücke in den Nebel über ihrer Erinnerung. „Mein Lottchen, ich habe dich wiedergefunden.“ Es war tatsächlich Walther. Ihr Walther, der da vor ihr saß, sie aus vom Grauen Star getrübten Augen ansah, nach ihrer Hand tastete, sie schließlich auch fand und zaghaft drückte. An seiner Hand war die gleiche Art von Ring, die auch Charlotte selbst am Finger trug. „Walther“, sagte sie schließlich, zärtlich, liebevoll und drückte seine Hand. „Was ist nur mit dir geschehen?“

Langsam lichtete sich der Nebel und Charlotte war sich sicher: Dies vor ihr mochte ihr Walther in etwa 30 oder 40 Jahren sein. Es war aber nicht jener Mann, mit dem sie verheiratet gewesen war. Jener treue und geliebte Weggefährte, der sie unbeirrbar durch die tiefsten Täler einer zerstörenden und zehrenden Krankheit begleitet hatte. Und am Ende mit ihr zu einem verzweifelten Abenteuer aufgebrochen war, um den letzten sich noch bietenden Strohhalm zu ergreifen.

Doch während sie nun wieder jung, gesund, voller Lebensenergie steckte, hatte ihn offenbar das umgekehrte Schicksal ereilt: Er war locker um Jahrzehnte gealtert. Verschwunden war der Mann in der Mitte seiner 60er Lenze, der mit seiner Ehefrau um deren Leben kämpfte. Er war nun ein Greis, der kaum noch in der Lage war, das eigene Leben festzuhalten. „Mein Lottchen“, wiederholte er immer wieder mit Freudentränen in seinen Augen.   

Die Tribute des Jungbrunnens