Mit allen Wassern gewaschen
Einige Forscher machten sich bereits auf den Weg, um den Hinweisen auf den Grund zu gehen. Jedoch fehlt seit betreten der Ruine jede Spur von ihnen. Eine Gruppe furchtloser Entdecker macht sich nun auf den Weg um den Verbleib der Forscher zu klären und um herauszufinden, was es mit dem Jungbrunnen auf sich hat. Bringt er tatsächlich die versprochenen Wunder, oder steckt etwas weitaus Düstereres dahinter?
Daten & Fakten
Die Tribute des Jungbrunnens
Kapitel 3
„Vielleicht kann ich helfen!“ Charlotte hatte den jungen Mann, der ihren Walther begleitet hatte, bisher nicht weiter beachtet. Er stand hinter dessen Stuhl und hatte die Szene des Wiedersehens eine Weile lang beobachtet, bevor er sich nun zu Wort meldete. Charlotte hatte ihn für einen Betreuer des greisen Mannes gehalten – bemerkte nun aber selbst ihren Denkfehler: Wenn sie selbst erst seit wenigen Tagen wieder jung war, dann war Walther auch erst seit wenigen Tagen dermaßen gealtert. Und in dieser kurzen Zeit einen ständigen Betreuer für einen Senior zu organisieren, dafür bedurfte es womöglich einer weitaus stärkeren Zauberei als jener, die zu ihrer neu erlangten Jugend geführt hatte. Wer also war dieser junge, hochgewachsene und muskulöse Mann, der Walther begleitete?
„Erinnern Sie sich nicht an mich, Charlotte?“, fragte jener und trat hinter dem Stuhl hervor, lief um das Bett herum ans Fenster, um ebenfalls direkt mit der jungen Frau zu sprechen, während der Kontakt zwischen ihr und ihrem Mann nicht unterbrochen werden müsste. „Mein Name ist Elias. Sie hatten mich gemeinsam mit ihrem Mann aufgesucht und um Hilfe gebeten. Ich habe Sie beide zu der Quelle geführt. Wissen Sie noch, was geschehen ist? Erinnern Sie sich?“
Von den Worten geleitet, lichtete sich der Nebel in Charlottes Erinnerung erneut etwas mehr, und sie erkannte den jungen Mann endlich wieder. Im Gegensatz zu ihr und ihrem Ehemann hatte sich jener kein bisschen verändert: die hochgewachsene, muskulöse Gestalt, das Lächeln eines Hollywood-Stars – all dies löste eine eigenartig wohlige Wärme in ihr aus, die sie seit Jahrzehnten nicht mehr verspürt hatte – und die eigenartigen Tätowierungen, die seine ganzen Arme bedeckten und sich wohl unter dem T-Shirt fortsetzten. Immerhin kamen sie auch an seinem Hals wieder in Sicht. Im Gegensatz zu Walther und ihr selbst erschien er unverändert zu dem Bild, das sie von ihm in ihrem Gedächtnis fand.
„Ich erinnere mich“, sagte sie zaghaft. Der Mann setzte sich an die Kante ihres Bettes und sah sie eindringlich und forschend an: „Woran genau können Sie sich erinnern?“, fragte er dann. „Erzählen Sie es mir. Ich möchte die Lücken in Ihrem Gedächtnis füllen.“
Charlotte versuchte sich zu konzentrieren. Sie sortierte die Fragmente ihrer Erinnerung zu einem Bild: Walther hatte mit ihr gemeinsam nach letzten Wegen gesucht, den Krebs in ihrem Kopf zu heilen. Nachdem zwei Chemotherapien fehlgeschlagen waren, eine weitere oder eine Operation für Charlotte nicht mehr infrage kamen und der Tod unausweichlich erschien, hatten ihr Mann und sie im Internet verzweifelt zu alternativen Heilmethoden recherchiert. Monatelang hatten sie auf Webseiten gelesen und in Foren diskutiert – dann trafen sie auf Elias. Er führte eines jener Foren, in denen sie aktiv waren. Unter dem Titel „Puteus Vitae“ hatten sich zahlreiche Nutzer in einer Community versammelt, wo nach Möglichkeiten gesucht wurde, wie man jenseits aller Schulmedizin auch die tödlichsten Krankheiten heilen und das eigene Leben verlängern könnte. Es waren vorwiegend die Enttäuschten, die Verzagten, die Hoffnungslosen, die hier ein letztes Mal nach Rat und Hilfe suchten – bevor sie sich ihrem Schicksal ergeben würden.
„Ich habe dich ausgewählt“, sagte Elias, nachdem sie sich in ihrer Geschichte so weit vorangetastet hatte. „Ich lese in diesem Forum jeden einzelnen Beitrag und ich wähle aus, wer ein zweites Leben erhalten soll. Deine Geschichte und die deines Mannes, eure Beharrlichkeit und Hingabe, haben mich beeindruckt. Deswegen habe ich zu euch Kontakt aufgenommen.“
Auf den ersten Kontakt per Mail hatte man sich getroffen. Und Elias erzählte den beiden Suchenden davon, was es mit der „Puteus Vitae“ auf sich hatte. „Ich kenne einen Ort, an dem ihr findet, was ihr sucht“, hatte er ihnen versprochen. „Dort kann Charlotte wieder gesund werden, sie wird wieder jung und schön sein, ihre Krankheit wird verschwinden.“ Die beiden glaubten nicht, was sie da hörten. Es klang zu magisch, zu mystisch, zu esoterisch, um wahr zu sein. Walther kam auf das Naheliegende: „Das klingt sehr verlockend – aber was wird uns das kosten?“ Elias lächelte nur: „Euer Schweigen“, erklärte er und sein Gesicht zeigte keine Regung. „Es gib viele, die unter euch Menschen wandeln, die einst zur Quelle gelangt sind. Aber sie alle wurden dorthin geführt, sie alle wurden eingeladen – so wie ihr beide jetzt durch mich – und alle wurden angeleitet. Alles, was ich euch preisgebe, darf niemals einer breiten Masse an Menschen bekannt werden. Die ewige Jugend ist zu verlockend, zu häufig erstrebt, als dass die Menschen ihr Geheimnis kennen dürften. Die Quelle ist ein von wenigen Wissenden gehüteter Schatz – und das muss sie auch bleiben.“ Er blickte die beiden eindringlich an: „Wenn ihr mir dies schwört, dann werde ich euch einladen und den Weg weisen.“
Elias riss Charlotte aus ihrer Erinnerung. „Ich sehe, du weißt es wieder“, sagte er dann sanft, blickte ihr direkt in die Augen und nahm Charlottes andere Hand. Seine Berührung jagte erneut einen wohligen Schauer durch den Körper des jungen Mädchens. Walther, der immernoch ihre Linke hielt, war indes auf seinem Stuhl in sich zusammengesunken. Er sprach nicht mehr. Er sah erschöpft aus, als sei er an seinem Ziel angelangt und habe nun eine neue Ruhe gefunden. Charlotte betrachtete ihn kurz mit einer Mischung aus Liebe und Mitleid. Dann wandte sie sich Elias zu. „Ja, ich erinnere mich wieder – wenigstens teilweise“, sagte das Mädchen. „Du hast uns den Weg zum Jungbrunnen gewiesen. Und offenbar hat es bei mir funktioniert. Aber was ist mit Walther geschehen?“
Elias‘ Lächeln wirkte ein wenig eingefroren, als er weitersprach: „Deswegen bin ich hier“, sagte er dann. „Der Zauber hat nicht so gewirkt, wie er es sollte. Wir müssen einen Fehler korrigieren – und wir haben nur sehr wenig Zeit dafür.“ Er hielt kurz inne, dann fuhr er fort. „Wir alle müssen noch einmal zurückkehren zur Quelle – aber der Einlass dorthin wird nur noch wenige Stunden offenstehen. Es bedarf einer Mondfinsternis und eines besonderen Rituals, um den Zugang für die Auserwählten zu öffnen. Ich lade euch ein, noch ein weiteres Mal mit mir dorthin zurückzukehren – um alles wieder ins Gleichgewicht zu bringen.“
Charlotte sah noch einmal zu Walther hinüber. Ihr Entschluss stand bereits fest. „Ich kann ihn so nicht dahinvegetieren und auf den Tod warten lassen“, sagte sie dann. „Genau das ist es, was er mir ersparen wollte. Wir werden mit dir gehen.“ Dann stockte sie kurz: „Aber was wird dann aus mir? Werde ich dann als Baby wieder herauskommen?“ Elias lächelte wieder geheimnisvoll: „Jeder normale Mensch kann nur einmal vom Zauber der Quelle profitieren, es wird dir nichts geschehen. Das verspreche ich.“ Charlotte nickte. „Dann sind wir uns einig. Sag‘ mir, was wir tun müssen.“
Der Nachmittag verstrich und Elias wies Charlotte erneut ein in die Wunder des Jungbrunnens – und in die Erfordernisse ihrer anstehenden Mission. Für Charlotte hatte es oberste Priorität, ihren Walther zurück zum Jungbrunnen zu bringen, damit der verleitete Zauber seine wahre Wirkung entfalten und ihn wieder jung machen konnte. Selbst wenn er nicht zum jungen Mann würde, sondern bei einer Verjüngung, der ihrigen ähnlich, bestenfalls in seinen blühenden Sechzigern wieder zu Kräften kommen würde, diesen Schritt war sie ihm schuldig. Schließlich hatte auch er alles getan, um ihr verloren geglaubtes Leben zu retten.
Am Abend beim erneuten Besuch der Ärztin teilte Charlotte dieser mit, dass sie das Krankenhaus auf eigenen Wunsch hin sofort verlassen wollte. Alles gute Zureden der Ärztin, noch eine Nacht abzuwarten, nichts zu überstürzen, sich noch zu schonen, half nichts – das Mädchen hatte keine Zeit zu verlieren. Das schmale Zeitfenster, die Quelle zu finden, war fast schon wieder geschlossen. Mit der nachweisbaren Kontaktadresse Elias‘, der sich als ihr Bruder ausgab, gab es zumindest rechtlich keine Einwände. Jener brachte ihr auch neue Kleidung in die Klinik mit. Die Papiere wurden erstellt und unterzeichnet. Noch vor Einbruch der Dunkelheit verlies die 17-jährige Charlotte mit Elias und dem uralten Walther das Klinikum.
Nach den großen Fortschritten am Nachmittag war Charlotte zudem zuversichtlich, dass ein erneuter Besuch beim Jungbrunnen auch ihre Erinnerungen vollends auffrischen und neue Impulse setzen konnte, um den dichten Schleier, der sich darübergelegt hatte, zu verwehen. Sie musste es versuchen. Sie gingen zu einem Auto, das Charlotte nicht kannte. Walther platzierten sie vorsichtig auf dem Rücksitz, Elias ging ans Steuer. Als Charlotte neben ihm saß und ihre Tür geschlossen hatte, fuhr er auch schon los.
„Ich habe noch eine Frage“, sagte
Charlotte, während über den Reisenden die Dämmerung hereinbrach und das Auto durch
die stetig zunehmende Dunkelheit seinem Ziel zustrebte. „Bist du auch jemand
wie ich, dem der Jungbrunnen geholfen hat? Und warum tust du all das für die
anderen?“ Es dauerte einen Moment, bis Elias antwortete: „Manche von uns, die durch
den Brunnen errettet werden, folgen fortan einer Berufung. Es ist ein Geschenk,
das uns der Brunnen macht, er stiftet Leben, denen, die ihn erhalten.“ Er hielt
inne. „Du wirst es schon bald verstehen, es wird sich alles zum Guten wenden.“
Hinter ihnen ertönte ein klägliches Röcheln, das vom schlafenden Walther herkam.
Und Elias fügte hinzu, während er in einen unbefestigten Waldweg einbog: „Für
uns alle.“