Mit allen Wassern gewaschen
Einige Forscher machten sich bereits auf den Weg, um den Hinweisen auf den Grund zu gehen. Jedoch fehlt seit betreten der Ruine jede Spur von ihnen. Eine Gruppe furchtloser Entdecker macht sich nun auf den Weg um den Verbleib der Forscher zu klären und um herauszufinden, was es mit dem Jungbrunnen auf sich hat. Bringt er tatsächlich die versprochenen Wunder, oder steckt etwas weitaus Düstereres dahinter?
Daten & Fakten
Die Tribute des Jungbrunnens
Kapitel 5
Der Weg führte die kleine Gruppe ein gutes Stück in die Tiefe. Das blaue Leuchten der Symbole auf Elias‘ Haut reichte gerade so aus, um eine Orientierung zu finden. Charlotte konnte deutlich die Umrisse Elias’ vor sich erkennen, der – Walther noch immer auf dem Arm – wacker voranschritt. Nach und nach änderte sich die Beschaffenheit der Wände. Sie wirkten mehr aus dem Stein gehauen als von der Natur ausgehöhlt. Und wenige Meter weiter liefen sie urplötzlich nicht mehr auf Felsen, sondern auf einem geebneten Boden.
Alsbald änderte sich auch die Beschaffenheit der Wand, die nun nicht mehr uneben, sondern von Menschenhand begradigt und auf etwa zweieinhalb Metern Höhe mit einer gebauten Decke versehen worden war. Es war ein offensichtlich von Menschenhand geschaffenes Werk, das hier der Höhle abgetrotzt und mit den Zeichen der jeweiligen Zeit in eine Art Bauwerk umgewandelt worden war.
„Wo sind wir hier nur gelandet?“, fragte Charlotte, halb zu Elias und halb zu sich selbst. Elias lief etwas langsamer und sprach über die Schulter zu ihr. „Der Jungbrunnen wurde einst von einer Legion des Römischen Reiches hier entdeckt. Und als die Römer begriffen hatten, was genau sie da gefunden hatten, wollten sie dies natürlich auch nutzen“, erklärte er, während sie weiter den abfallenden Gang hinab liefen, das Licht langsam zunahm und an den Wänden sodann Malereien und sogar brennende Fackeln auftauchten. „Die Römer haben hier rund um die Quelle einen Badetempel errichtet“, fuhr Elias fort. „Julius Cäsar und alle Kaiser des Römischen Reiches, ebenso wie die obersten Centurios und Magister, die Präfekten, Primus Pilus und Comes, die Ältesten des Römischen Senats und viele weitere bedeutende sowie reiche Persönlichkeiten des Imperiums – sie alle sind persönlich von Rom hierher gereist, um die Quelle zu besuchen und von ihrer Kraft zu profitieren.“ Das Mädchen überlegte kurz: „Aber wenn doch alle Obersten des Reiches hierhergekommen sind, warum haben sie dennoch nicht überlebt?“ Elias lachte und wich der Frage mit seiner Erwiderung aus: „Nunja, im Römischen Reich war es leider nicht allein damit getan, dem natürlichen Tod zu entgehen, solange es Neider und Opportunisten auf den eigenen Posten, den Titel, die Macht oder das Vermögen abgesehen hatten. Julius Cäsar selbst ist das beste Beispiel dafür.“ Das leuchtete ein.
Noch bevor Charlotte die nächste Frage laut aussprechen konnte, öffnete sich der Gang und sie betraten einen weitläufigen Raum, der in längst vergangenen Tagen wohl einer Waschung vor dem Bade gedient haben mochte. Zerschlissene Vorhänge und zurückgeblieben Fetzen davon waberten umher, raschelten leise und wedelten der kleinen Gruppe immer wieder in den Weg. „Woher kommt dieser Luftzug?“, fragte Charlotte laut. „Müssten diese Vorhänge hier nicht still hängen, anstatt sich ständig zu bewegen?“ Elias brauchte einen Moment, bevor Charlotte seine Antwort vernahm. „Sprich‘ leiser“, sagte er dann zischend über die Schulter. „Wir wollen die unruhigen Seelen der Vergangenheit nicht stören oder gar aufscheuchen.“ Charlotte begriff nicht, was er meinte. Sie schlug weiter Vorhänge und Fetzen von Stoffbahnen zur Seite, die ihr in den Weg waberten, um den Anschluss zum Führungsduo nicht zu verlieren. Und als sie gerade einen weiteren Vorhang aus dem Weg geschafft hatte, war es ihr, als ob sie hinter einer der Bahnen eine Gestalt erkennen konnte, die sie mit hasserfülltem Blick zornig anfunkelte. Charlotte erschrak, doch sogleich wehte ein weiterer Vorhang vor das vermeintliche Bild und verdeckte die dort vermutete Gestalt. Als Charlotte jenen Vorhang rasch zur Seite drängte, war das Wesen verschwunden. Ihr Herz hämmerte dennoch mit Kraft von innen gegen den Brustkorb. War diese Gestalt wirklich real? Ihr Schrecken und die leichte Panik, die sie ergriffen hielt, waren es allemal. Wo war sie hier nur hineingeraten? War sie wirklich schon einmal hier gewesen? Und wie hatte sie diese unheimliche Odyssee überlebt? Doch alles Sinnieren half nichts, sie musste weiter vorankommen. Es galt, ihren treuen Ehemann zu retten.
Der Wasch- und Duschraum mündete in einen weiteren kurzen Gang, den die kleine Gruppe Sekunden später betrat. Im Rücken fühlte Charlotte noch immer den bösen, stechenden Blick des Wesens, das sie gesehen zu haben geglaubt hatte. Doch sie konnte sich darüber jetzt keine weiteren Gedanken machen. Denn vor ihnen öffnete sich der nächste Raum, in dem ein dichter, schier undurchsichtiger Dampf waberte. Nur wenige Zentimeter weit konnte man vorausschauen, bevor das Bild vor den Augen von Dämpfen getrübt und sodann verschluckt wurde. Charlotte fragte sich unwillkürlich, was sie hier wohl erwarten mochte. Sie folgte dem Schemen Elias’, den sie kaum mehr erkennen und überhaupt nur durch die Bewegungen noch als ihren Führenden erkennen konnte. In winzigen Schrittchen ging sie voran, die Hände nach vorne ausgestreckt, um bloß nicht gegen eine Wand zu laufen. „Elias!“, rief sie. „Elias, lauf langsamer, ich sehe dich kaum noch!“ Doch es kam keine Antwort. In etwa zwei Metern Entfernung erkannte Charlotte einen Schemen, sie lief erleichtert darauf zu … doch es war nicht Elias.
Charlotte prallte gegen etwas Weiches, das nicht annähernd die Höhe ihres Begleiters aufwies, aber durchaus menschliche Umrisse hatte. „Entschuldigung“, stammelte Charlotte reflexhaft. Sie wich einen Schritt zurück und starrte auf die Gestalt vor ihr, die offenbar auf etwas saß … wie einer Bank? Tatsächlich: Es war eine lange Bank, die entlang der Wand aufgestellt war. Und jene Gestalt war nicht die einzige, die darauf saß.
Nun, da sie so dicht davorstand, konnte Charlotte erkennen, dass entlang der Bank, neben dem von ihr angerempelten Etwas, noch weitere Gestalten saßen. Sie alle waren in weite, schwarze Mäntel gehüllt, die Köpfe waren gesenkt und von einer Art Kapuze verhüllt. Und während Charlotte noch dort stand und versuchte, die Szenerie zu erfassen und einzuordnen, begann sich das Etwas vor ihr zu bewegen. Langsam, bedrohlich langsam, hob sich der Kopf.
Charlotte war starr vor Schreck. Sie konnte sich nicht rühren und starrte auf die Gestalt vor sich, deren verhülltes Haupt sich stetig weiter erhob. Und als es hoch genug war und Charlotte einen Blick unter die Kapuze werfen konnte, blickte sie in ein schwarzes Loch, aus dem heraus wiederum zwei Augen in rasender Wut auf sie gerichtet waren. Es lag so viel Hass, Verachtung und Mordlust in diesem Blick, dass Charlotte zu ihren Reflexen zurückfand und mit einem Schrei zurückprallte. Sie stolperte, taumelte und wurde gerade noch von Elias am Arm gepackt, bevor sie gestürzt wäre. Der Blick des Wesens haftete auf ihr. Ihr Begleiter sah zu dem gruseligen Beisitzer mit dem entstellten Gesicht hinüber, der beide mit hasserfülltem Blick fixiert hatte, und dann auf Charlotte, die er noch immer festhielt. „Bist du in Ordnung?“, fragte er dann flüsternd. Charlotte nickte und Elias fuhr fort. „Du muss hier unten verdammt gut aufpassen, es ist nicht sicher hier. Achte auf deinen Weg und was du berührst. Was den Pfad zur Quelle säumt, ist uns nicht unbedingt wohlgesonnen.“
Charlotte begriff nicht ganz, was er meinte. „Wir wollen doch nur zu der Quelle“, wimmerte sie. „Was haben wir diesen Wesen denn getan?“ Elias antwortete nicht, hielt aber auch ihren Arm weiterhin gefasst. Und während die Gestalt ihren Kopf nun wieder senkte, zog er Charlotte weiter, durch den Dampf, deutlich schneller als vorher, bis hin zu einem Durchgang, den Charlotte erst dann richtig erkennen konnte, als sie direkt darunter stand.
„Wir sind kurz davor, die Quelle ist nah“, zischte Elias ihr zu, während er ihren Arm nun wieder losließ und Charlotte sich mit der Hand die Stelle rieb, wo er sie gepackt gehalten hatte. „Halte dich ganz dicht an mich, wir haben es fast geschafft. Keine Extratouren oder Begegnungen mehr, ich bitte dich! Du wirst schon bald erkennen, wieso.“ Das ungute Gefühl in ihrem Bauch nahm immer mehr zu – und das lag nicht allein an den seltsamen Begegnungen, die sie bis hierher gehabt hatten. Da war noch etwas ganz anderes: Auch Elias’ Ton und Körpersprache hatten sich spürbar verändert, seit sie diesen unterirdischen Badetempel betreten hatten. Und so sehr das Wesen im Dampfbad auch kurz davor gestanden haben mochte, der störenden Besucherin mordlustig die Augen auszukratzen und den Garaus zu machen – in dem Moment, da Elias ihr beigestanden und sie sichtbar am Arm gehalten hatte, da schien die Mordlust gebannt und das Monster versank wieder in seiner Lethargie. War es Elias, den es fürchtete?
„In diesen heiligen Hallen ist eine Menge geschehen“, sagt Elias, während er sich weiter umsah und als ob er ihre Gedanken gelesen hätte. „Hier wurden Reiche gestürzt, Posten neu besetzt, Ehefrauen und Geliebte getauscht und hingebungsvoll ein Lotterleben geführt, das weder Moral, noch Gesetze, noch Vergänglichkeit zu fürchten hatte.“ Langsam schritt er wieder voran. „Mancher Mord an diesem Ort blieb unvollendet, wo das Wasser des Lebens die Wände durchdringt – und unruhige Seelen vom Drang nach Vergeltung getrieben in diesem Tempel keine Ruhe finden. Es ist ein Nebeneffekt des Jungbrunnens und der Begierden, die er in uns Menschen erweckt.“
Er schulterte den schlappen Walther, von dem kaum erkennbar war, ob er noch lebte, und sah Charlotte direkt an: „Doch nur wenigen ist es gegönnt, dessen Zauber so zu erleben, wie er sich bei dir und mir entfaltet. Der Jungbrunnen fordert seine Tribute, aber er schenkt auch neues Leben.“ Er reichte ihr die Hand: „Wir sind am Ziel. Komm‘ mit mir, wenn du es verstehen willst.“ Charlotte ergriff die Hand und ging mit ihm. Sie spürte etwas Ungewohntes, etwas Neues, das sie durchfloss. Sie hörte etwas: Es plätscherte.