Mit allen Wassern gewaschen
Einige Forscher machten sich bereits auf den Weg, um den Hinweisen auf den Grund zu gehen. Jedoch fehlt seit betreten der Ruine jede Spur von ihnen. Eine Gruppe furchtloser Entdecker macht sich nun auf den Weg um den Verbleib der Forscher zu klären und um herauszufinden, was es mit dem Jungbrunnen auf sich hat. Bringt er tatsächlich die versprochenen Wunder, oder steckt etwas weitaus Düstereres dahinter?
Daten & Fakten
Die Tribute des Jungbrunnens
Kapitel 10
Mit einem liebevollen Blick betrachtete Charlotte, von ihrem Platz der Tür aus, den alten Mann in seinem Rollstuhl, der direkt vor dem gekippten Fenster abgestellt worden war, sodass er hinausschauen konnte und ihm das Sonnenlicht sanft ins Gesicht schien. Das Zimmer war modern, komfortabel und zugleich heimelig eingerichtet: Ein kleines Sofa, eine Kommode, Kühlschrank und Waschbecken, ein großer Flachbildfernseher an der Wand – allein das Pflegebett in der Mitte des Raumes, jenes in Holz gefasst und mit sehr hochwertiger Technik, gab einen Hinweis darauf, wo sie sich befanden. Walthers Atem ging ruhig und gleichmäßig, er hatte die Augen geschlossen und genoss in tiefste Entspannung versunken das warme Licht sowie die sanfte Brise, die durch den Spalt im Fenster hereinwehte. Er schien glücklich.
Charlotte lehnte am Türrahmen des Zugangs zu dem Pflegezimmer in einer äußerst hochpreisigen und exklusiven Seniorenresidenz. Seit ihrem zweiten Besuch beim Jungbrunnen waren rund zwei Monate vergangen. Genug Zeit, sich in ihr neues Leben einzufinden und gemeinsam mit den Priestern des Tempels eine zufriedenstellende Lösung für den greisen Walther zu finden – die zwar seinen Tribut nicht umkehrte, aber seiner Rolle in dieser Geschichte sowie einer künftigen guten Zusammenarbeit Charlottes mit den Jüngern der Quelle zuträglich erschien. Er ruhte nun in sich und war für den Rest seiner Tage mit sich selbst und der Welt im Reinen.
Das exklusive Pflegeheim, das Elias von seiner Mission her bereits kannte, war zu Charlottes neuem „Arbeitgeber“ und Walthers letztem Domizil geworden. Er war nicht beim Brunnen gestorben, wie Charlotte es befürchtet hatte. Jedoch war er auch weiterhin kein Kandidat für die Magie der Quelle, auch das hatte sie einsehen müssen. Ihre Bedingung für ihren Verbleib in dem Tempel war ein würdiges Leben für ihren Ehemann gewesen, der so viel für sie getan hatte. Mit dem jetzigen Vorschlag konnte sie gut leben: Sie hatte eine Arbeit, die ihr als Tarnung in der Außenwelt diente, sie war in Walthers Nähe und konnte ein Auge auf ihn haben – und sie konnte sich auf ihre neue Aufgabe konzentrieren.
„Es ist ungeheuerlich!“, tönte eine wütende Stimme vom Flur her an ihr Ohr. „Ihr seid ein undankbares Pack! Nichts geleistet, nichts gegeben und alles haben wollen!“ Charlotte trat aus dem Türrahmen und schloss die Zimmertür hinter sich. Walther war ganz in seine eigene Welt abgetaucht – für die junge Frau galt es nun, der ihrigen Genüge zu tun. Sie stellte sich aufrecht, zog ihre Pflegerinnen-Kleidung zurecht und folgte dann den Stimmen, die nur wenig Meter den Gang hinunter ihre aufgebrachte Unterhaltung fortsetzten. „Aasgeier seid ihr, nichts als Aasgeier!“
Auf dem Flur stand ein Rollstuhl, worin ein älterer Mann saß, der heftig auf einen jüngeren Mann und eine Frau schimpfte, die zu beiden Seiten des Rollstuhls in die Hocke gegangen waren und versuchten, ihn zu beschwichtigen. „Papa, nun beruhige dich doch bitte“, sagte der jüngere Mann und angelte nach der Hand des wütenden Seniors. Jener riss sie weg und konterte die Geste seinerseits mit einem Schubser, woraufhin der andere, offenbar sein Sohn, rückwärts auf den Hosenboden kippte. „Nichts werde ich! Ich will mich nicht beruhigen!“, rief der ältere Mann trotzig und dem Anschein nach für keinerlei weitere Gespräche mehr zugänglich. „Beruhige du dich doch, du Schmarotzer! Ihr kriegt GAR NICHTS!“
Der jüngere Mann schüttelte mit dem Kopf und nahm Charlottes Hand an, die sie ihm zur Hilfe beim Aufstehen anbot. Auch die Frau auf der anderen Seite des Rollstuhls erhob sich. Die beiden Besucher des älteren Herren sahen frustriert und resigniert aus. Charlotte wusste, was nun zu tun war. „Es ist alles in Ordnung, Herr Stadler, niemand will Sie zu etwas zwingen“, sagte sie an den Senior gewandt, der die junge, hübsche Pflegerin sogleich anlächelte. „Wenn Sie wüssten, junge Frau, wenn Sie wüssten“, sagte er dann. „Diese jungen Leute leisten nichts und wollen alles geschenkt haben“, ergänzte er und bemerkte gar nicht, dass er damit zugleich auch seine vermeintliche Verbündete mit beleidigt hatte. Aber das tat nichts zur Sache. Er hatte angebissen.
Charlotte lächelte. „Wie wäre es denn jetzt erstmal mit einem schönen Stück Kuchen und einer Tasse Kaffee auf diese Aufregung“, schlug sie vor und schob den Senior, ohne dessen Antwort abzuwarten, sogleich in Richtung der Cafeteria, wo soeben die versprochenen Leckereien gereicht wurden. Sie schob Herrn Stadler an einen Tisch heran und stellte einen Teller mit Kuchen sowie eine Tasse Kaffee vor ihn, die sie im Vorbeigehen von einem Servierwagen auflas. „Hier, bitteschön, lassen Sie es sich schmecken“, sagte sie zu ihm herabgebeugt und wandte sich dann wieder der Tür zur Cafeteria zu, wo die beiden Besucher noch standen und zu den beiden herüberblickten. Während der ältere Mann Kaffee und Kuchen genoss, ging sie mit dem jüngeren und dessen Begleiterin vor die Tür. „Was ist denn geschehen?“, fragte sie sogleich und blickte in zwei erleichterte Gesichter, die offenbar froh waren, auch ihre eigenen Versionen der Geschichte erzählen zu dürfen.
„Seit Papa in dieser Residenz ist, lässt er einfach nicht mehr mit sich reden“, begann nun der Mann seinen Kummer zu klagen. „Wir haben so lange nach einem passenden Alterswohnsitz für ihn gesucht, diese Residenz dann gefunden. Und nun ist er hier, das Anwesen ist leer und wird nur noch von den Angestellten verwaltet – was für eine Verschwendung!“ Charlotte seufzte. Sie durfte sich jetzt nichts anmerken lassen: „Das ist aber schade!“, sagte sie mit allem geheuchelten Mitgefühl, das sie aufbringen konnte. Aber es schien auszureichen. „Und wie!“, ereiferte sich nun die Frau. „Schon vorher, als Ludwig noch in dem Haus lebte, wollte er uns nicht dort haben. Als ob zwei Menschen mehr oder weniger dort einen Unterschied machten. Die ganze Arbeit machen ja sowieso die Hausangestellten.“ Erneut nickte Charlotte verständig und schluckte zugleich eine spitze Antwort runter, die ihr auf der Zunge lag. „In diesem Alter ist es einfach schwierig mit den Leuten“, sagte nun der junge Mann kopfschüttelnd.
Charlottes Moment war gekommen: „Wie wäre es denn, wenn das Alter kein Problem mehr wäre und Ludwig die Möglichkeit bekäme, in sein geliebtes Haus zurückzukehren? Wäre er dann womöglich dankbar und bereit, Sie beide bei sich aufzunehmen?“ Die beiden anderen lachten und die Frau sagte: „Das wäre ziemlich sicher eine Möglichkeit, aber den richtigen Zeitpunkt dafür haben wir leider verpasst.“ Charlotte lächelte kalt: „Wissen Sie, manche Chancen ergeben sich auch mehrfach im Leben. Vielleicht habe ich eine Lösung für Sie.“
Nach wenigen Minuten, in denen sich die drei in einer ruhigen Sitzecke in einem aktuell unbewohnten Trakt der Senioren-Residenz unterhalten hatten, waren Welten erschüttert, Hoffnungen geweckt und Pläne geschmiedet worden. Charlotte war höchst zufrieden. Es war noch etwa eine Woche Zeit bis zur nächsten Mondfinsternis, also bis zu ihrer nächsten Möglichkeit, das Portal in den Tempel des Jungbrunnens zu öffnen. Bis dahin, da war sie äußerst optimistisch, würden die beiden Erbschleicher ihren wehrfähigen Vater sicherlich überzeugt haben, sich auf einen Deal „neue Jugend gegen nutznießendes Luxus-Wohnen“ einzulassen. Und sobald sie dann erst gemeinsam den Weg zum Tempel genommen hatten und Charlotte ihre Besucher mit jenen Elias’ – und des einen oder anderen Priesters im „Außendienst“ auf Kreuzfahrtschiffen, in Freizeitparks und Luxus-Hotels – zusammengeführt hätte, würde die Quelle neue Kraft erhalten – und die Geister in Waschraum, Dampfbad sowie den zahlreichen weiteren Kompartiments des Tempels würden um die eine oder andere Seele bereichert, die in der Außenwelt von niemandem vermisst werden würde. Mit einem Handschlag besiegelte Charlotte den Deal mit dem Pärchen, das sich siegessicher auf dem Weg zum Luxusleben wähnte, die Begleitumstände nicht hinterfragte und sich verpflichtete, sich in wenigen Tagen, bereit zur nächtlichen Mission, im Heim einzufinden. Neue Tribute. Es war fast zu einfach.
Charlotte ließ die beiden schließlich zurück. Sie saßen dort noch eine ganze Weile in der kleinen Sitzgruppe und schmiedeten weitere Pläne für die Zeit nach der Quellen-Mission. Für Charlotte war das unwichtig – sie wusste, es würde kein „danach“ für die beiden geben.
Während sie durch die Gänge des Pflegeheims lief, dachte sie an ihre eigenen Kinder. An die letzten Jahre ihres alten Lebens, während derer sich der Kontakt mehr und mehr zerschlagen hatte. Jeder war seiner eigenen Wege gegangen, die beiden waren in die Welt hinaus „geflogen“. Die „alte“ Charlotte hatte ihnen hinterher getrauert, die neue „junge“ Charlotte verspürte deutlich mehr Verständnis, erinnerte sich an den Freiheitsdrang und das Streben nach neuen Erlebnissen in jugendlichem Tatendrang. Allzu deutlich verspürte sie nun selbst wieder all diese Regungen und war – mit dem Wissen, dass Walther gut versorgt war – umso aufgeregter, jeden neuen Reiz voll auszukosten. Es waren alte und neue Abenteuer, die das Leben in der heutigen Zeit für sie bereithielt, welche sie teilweise auch mit Elias auslebte, sich aber oftmals auch ganz andere Begleiterinnen und Begleiter suchte, um Vertrautes zu beleben, Unerforschtes zu erkunden und Neues zu entdecken. Und das war gut so. Sie bereute nichts, aber alles, wobei sie dereinst und jemals das Gefühl gehabt hatte, es womöglich versäumt zu haben, durfte sie nun erfahren. Eine zweite Chance, die Charlotte Tag um Tag auskosten und genießen würde.
Die junge „Pflegerin“ kehrte zurück in ihr exquisit eingerichtetes Zimmer, das sich in einem anderen Teil des Heims befand und das sie in der Zeit, da der Tempel nicht aktiv war, bewohnte. Sie wollte sich noch etwas entspannen, bevor sie am Abend loszog, um nach getaner Pflicht die Vorzüge ihres neuen jungen Lebens selbst noch etwas zu genießen. Und wer weiß: Womöglich würden sich im Nachtleben der Schickeria dieser Großstadt noch weitere Möglichkeiten ergeben, die Quelle zu füttern und dem uralten Zauber des Jungbrunnes Tribut zu zollen.
Charlotte streifte die Kluft ab, betrachtete ihren jungen, nackten Körper im Spiegel und dachte bei sich, dass etwas Geschick und Verführung nicht nur ihrer Mission, sondern auch ihr selbst nutzen könnten. Was sie im letzten Leben versäumt hatte, wollte sie jetzt nachholen. Die Welt stand ihr offen!
Sie ließ sich in eine mit heißem
Wasser gefüllte Badewanne gleiten, spürte das warme Wasser wohlig ihre Blöße
umspielen. Sanft begannen die Schriftzeichen auf ihrer Haut, überall auf ihrem
Körper zu leuchten, was den Raum in ein warmes, blaues Licht tauchte. Sie war
ein Teil der Quelle und die Quelle war ein Teil von ihr. Solange es Menschen
gab, die für ewige Jugend und Schönheit, Ruhm oder Liebe, für Geld oder Macht
auch ihr letztes bisschen Verstand auf dem Altar der Vergänglichkeit opfern
würden, sollte der Zauber erhalten bleiben – und der Jungbrunnen niemals
versiegen. Es war an ihr und den Priestern des Tempels, dieses Versprechen zu
erhalten und seinen Preis zu verschleiern. Die Quelle forderte ihre Tribute –
wer sie ihr brachte, dem wies sie den Weg und schenkte das ewige Leben.