Mit allen Wassern gewaschen
Einige Forscher machten sich bereits auf den Weg, um den Hinweisen auf den Grund zu gehen. Jedoch fehlt seit betreten der Ruine jede Spur von ihnen. Eine Gruppe furchtloser Entdecker macht sich nun auf den Weg um den Verbleib der Forscher zu klären und um herauszufinden, was es mit dem Jungbrunnen auf sich hat. Bringt er tatsächlich die versprochenen Wunder, oder steckt etwas weitaus Düstereres dahinter?
Daten & Fakten
Die Tribute des Jungbrunnens
Kapitel 8
Butler Herbert, der den Rollstuhl Sir Shatterbottoms am Rande der Senke abgestellt hatte und neben ihn getreten war, war der erste, der nicht widerstehen konnte. Er streckte den Arm aus nach einer der Nebelblasen, die in seine Richtung schwebte. Er berührte sie ganz sanft mit der Fingerspitze. Es machte „Plopp!“, die Blase platzte, der eingeschlossene Nebel wurde frei – und wehte dem Butler direkt ins Gesicht. Das soeben noch kindlich grinsende Antlitz wurde augenblicklich zu einer Fratze des Schreckens – und dann des Schmerzes. Herbert schrie. Es war ein gellender und erschreckter, dann ein hysterischer und panischer Schrei. Der Mann riss die Hände hoch und verbarg darin sein Gesicht, ging neben der Quelle zu Boden, kauerte erbärmlich zuckend in der Embryostellung – und schrie noch immer. Sein Boss sah kalt verwundert auf ihn herab.
Alle anderen wichen entsetzt von der Quelle zurück und gingen instinktiv den heranschwebenden Nebelblasen aus dem Weg. Doch es gab kein Entrinnen: Noch während Herbert sich weiter schreiend auf dem Boden wand, von weiteren platzenden Blasen getroffen wurde und äußerlich sichtbar in sich zusammenzusinken schien, ertönte von weiter vorne bei der Quelle der nächste Schrei. Diesmal war es der Manager. Er hatte sich neben die Quelle gekniet und versucht, mit der Hand, an den Blasen vorbei, das Wasser in der Senke zu erreichen. Dabei wurde er von einer der Blasen getroffen, die sogleich zerplatzte, woraufhin der eingeschlossene Nebel seine Wirkung auch an ihm voll entfaltete. Er ging zu Boden, schrie und krümmte sich – doch es gab auch für ihn keine Hilfe, keine Rettung.
„Weg hier!“, schrie Sandy, die sich als erstes wieder gefasst hatte, und hastete – dicht gefolgt von Agnes und Rüdiger – zurück zum Eingang in die Quellenhöhle. Doch der Weg war versperrt. Dort stand Elias. Er hatte eine Kutte übergestreift, ähnlich einem Mönchsgewand, die nur seine Arme und sein Gesicht freiließ. Die Zeichen auf seinen Armen leuchteten wieder. Und nun war klar zu erkennen, dass er sehr ähnliche Schriftzeichen auch am Hals und über das ganze Gesicht trug. Er stand in voller Größe dort, breitbeinig, die Arme vor dem Körper zu einem Kreuz verschränkt und blickte kalt und boshaft auf die Flüchtenden, die passieren wollten. „Hier kommt niemand heraus“, sagte er mit fester Stimme. „Die heilige Quelle fordert ihren Tribut, der Jungbrunnen braucht Nahrung. Akzeptiert euer Schicksal.“
„Bullshit!“, rief Sandy und wollte sich an ihm vorbeidrängeln, doch er packte sie mit einer Hand und warf sie zu Boden. Sir Shatterbottom hatte seinen Rollstuhl selbst von der Senke weggerollt und unternahm nun den eher verzweifelten Versuch, Elias damit umzufahren: In vollem Tempo hielt er auf den Hünen zu und streckte sein gesünderes Bein aus, damit die Wucht Elias’ Knie treffen und ihn zu Boden bringen sollte. Es war vergeblich. Elias sah dem heranrollenden Aristokraten kalt lächelnd entgegen. Kaum dass dessen Fuß sein Knie – oder wo jener es unter der Kutte vermutete – berührte, kippte der Rollstuhl nach hinten um, Sir Shatterbottom rollte rückwärts heraus und blieb benommen auf dem Boden liegen. „Hier kommt niemand raus“, wiederholte Elias mit fester Stimme.
„Lass‘ uns hier aus, du Psycho!“, brüllte Rüdiger, der sich nun mit voller Wut auf Elias stürzen wollte. Doch noch bevor er ihn ganz erreichte, löste sich etwas aus dem Schatten, sprang in seine Richtung, und riss den panisch schreienden Mann im Sprung mit sich zurück in die Schatten. Agnes konnte gar nicht so schnell schauen, wie das Schicksal ihres Mannes besiegelt worden war. Die Schreie erstarben, und ganz ähnlich mochte es deren Erzeuger ergehen. Plötzlich stand Agnes alleine vor Elias, dessen Symbole auf der Haut immer heller leuchteten. Und nun sah sie, dass auch hinter Elias weitere Gestalten in Kutten standen, alle mit jenen leuchtenden Schriftzeichen auf der Haut. Und in einem Chor schallte es an ihr Ohr: „Der Jungbrunnen braucht Nahrung, die Quelle fordert ihren Tribut.“
Der Raum war inzwischen über und über gefüllt mit den gefährlichen Nebelblasen. Herbert und der Manager waren nicht mehr aufgestanden, waren noch von mehreren Blasen getroffen worden und rührten sich inzwischen nicht mehr. Auch Sir Shatterbottom und Sandy waren inzwischen getroffen worden, sie schrien hysterisch, krümmten sich unter Schmerzen am Boden. Auch sie waren verloren.
„Zur anderen Seite!“, zischte Walther eindringlich seiner Charlotte zu. „Es ist der einzige Weg.“ Er legte sich ihre Arme von hinten über die Schulter, sie hing über seinem Rücken. Er hielt die Arme vorne fest und rannte los, in Richtung der Brücke, die über die Quelle führte. Mitten hinein in das Meer todbringender Nebelblasen, die allerdings eher links und rechts neben der schmalen Brücke aufstiegen. Elias begriff zu spät, was Walther im Sinn hatte. „Stopp!“, schrie er laut. „Nicht weiter!“ Auch Agnes erkannte den Fluchtversuch, wollte sich umdrehen und den beiden folgen, doch Elias packte sie von hinten und stemmte die zappelnde und schreiende Frau in die Luft. „Ich sagte HALT!“, brüllte er mit donnernder Stimme, die in der Höhle mehrfach bedrohlich wiederhallte, doch Walther und Agnes hatten den Steg schon erreicht und Walther lief los.
Alles geschah binnen Sekunden. Walther tat sein Bestes, um leicht geduckt mit Charlotte auf dem Rücken den Blasen auszuweichen, zwischen dem aufsteigenden „Vorhang“ aus Blasen links und rechts der Brücke hindurch zu huschen, was ihm bis etwa zur Mitte der Brücke auch recht gut gelang. Doch dann erkannte er etwas am anderen Ende des Steges, das dort stand und auf ihn wartete. Es war diesmal keine Gestalt in einer Kutte, stattdessen erkannte er die Umrisse einer Frau, gehüllt in eine weiße Toga – doch ab der Schulter aufwärts hatte sie nichts Menschlies mehr. Die Augen glichen denen eines Frosches, ihr Haupt war bedeckt von sich kräuselnden, schleimigen Schlangen, Salamandern und Amphibien, aus ihrem Mund züngelte zischelnd immer wieder eine lange gespaltene Zunge, gleich der einer Schlange. Sie stand dort mit ausgebreiteten Armen, gelb leuchtenden Augen mit schmalen schwarzen Schlitzen in der Mitte, und erwartete ihre neuen Opfer.
Charlotte und Walther saßen in der Falle. Der Blick von Charlotte fiel auf die zusammengesunkenen Körper des Butlers Herbert und des Managers, die von der Brücke aus sichtbar am Rande der Senke lagen. Die Hände waren nicht mehr vor den Gesichtern, denn sie waren zerfallen; die Körper waren verwest und knochig. Sie sahen nicht mehr im Geringsten zwei Menschen ähnlich, die soeben noch voller Leben gewesen waren: Sie waren eingefallen, geradezu mumifiziert, nur noch verweste Haut und Knochen. Allein das Entsetzen der letzten Sekunden ihres Lebens stand den beiden noch ins seelenleere Gesicht geschrieben. Alle Lebendigkeit war aus ihnen gewichen, herausgesaugt worden – der gnadenlose Tribut des Jungbrunnens war entrichtet worden.
Noch während Walther den näherkommenden Nebelblasen auswich und fieberhaft überlegte, welcher Weg nun noch die äußerst geringe Chance eines Überlebens bergen könnte, hörten sie von hinten wieder die zornige Stimme Elias’ und das Schreien von Agnes, die inzwischen längst selbst von Blasen getroffen worden war. Doch lag sie nicht am Boden: Elias hielt die wild zappelnde und sich windende Frau weiterhin mit ausgestreckten Armen weit hoch über seinen Kopf. Die Symbole auf seinen Armen strahlten in einem intensiven pulsierenden Licht. „STOPP, habe ich gesagt!“, brüllte er noch einmal zornig. Die anderen Gestalten in Kutten hatten inzwischen die Senke umringt und standen zwischen den Säulen. Auch auf ihnen leuchteten die Zeichen. „Eure Flucht ist sinnlos!“, rief Elias. „Ihr gehört nun der Quelle!“
Noch ehe sich Charlotte und Walther ganz klar darüber wurden, was geschah, schleuderte Elias die zappelnde und vor Angst und Schmerzen schreiende Agnes wie ein Wurfgeschoss direkt in ihre Richtung. Binnen Sekundenbruchteilen traf Walther eine Entscheidung. Als der Körper der Mittsiebzigerin, wie zur Kanonenkugel umfunktioniert, heranschoss, warf er Charlotte noch einen letzten liebevollen Blick zu, dann stieß er sie von der Brücke. Noch während sie rücklings in die Quelle fiel und der Ruf nach ihrem Mann von dem in Nase und Mund eindringenden Wasser erstickt wurde, sah sie über sich, wie der Körper von Agnes Walther mit voller Wucht traf und beide auf die andere Seite der Brücke katapultierte, wo das grauenhafte Reptilien- und Amphibien-Wesen sie bereits erwartet hatte. Danach wurde es dunkel um Charlotte, als sie in das Licht der Quelle, hinab in die unergründliche Tiefe sank. Immer tiefer und noch tiefer, schier endlos, ins Bodenlose. Sie wollte nach Atem ringen, doch das Wasser drang weiter in sie vor, in ihre Lungen, die zu zerbersten drohten.
Noch während Charlotte mit der
Welt, mit sich selbst und ihrem Schicksal ihren Frieden machte – wie schon so
oft in den letzten Wochen und Monaten, als der Krebs jedweder Behandlung
widerstanden hatte – fühlt sie, wie noch etwas anders sie durchdrang. Es war
eine Wärme, fast wie ein elektrischer Schlag, eine extrem hohe Spannung, ein
Knistern, Bitzeln und Zucken, das kaum mehr ablassen wollte. Sie schrieb es im
Geiste ihrem sterbenden Körper zu – doch fühlte sich so wirklich der Tod an? So voller Energie? Charlotte hatte keine
Zeit mehr, sich über diese Paradoxien weitere Gedanken zu machen. Der
Sauerstoff war aufgebraucht, ihr Gehirn verweigerte weitere Dienste und drehte
auch dem Tumor den Saft ab – welch‘ Ironie. Das Letzte, was Charlotte in jenem
Leben wahrnahm, war ein Leuchten von ihren Armen, bläulich warm und hell. Dann
schlossen sich ihre Augen und es wurde dunkel. – Vorerst.