Mit allen Wassern gewaschen
Einige Forscher machten sich bereits auf den Weg, um den Hinweisen auf den Grund zu gehen. Jedoch fehlt seit betreten der Ruine jede Spur von ihnen. Eine Gruppe furchtloser Entdecker macht sich nun auf den Weg um den Verbleib der Forscher zu klären und um herauszufinden, was es mit dem Jungbrunnen auf sich hat. Bringt er tatsächlich die versprochenen Wunder, oder steckt etwas weitaus Düstereres dahinter?
Daten & Fakten
Die Tribute des Jungbrunnens
Kapitel 9
Charlotte erwachte und rang nach Luft. Was sie einatmete, war indes keine Luft, sondern der Nebel, der um sie her aus der Quelle waberte und während ihrer kurzen Bewusstlosigkeit dennoch die ganze heilige Höhle des Jungbrunnens vollständig durchdrungen hatte. Sie konnte kaum mehr die Hand vor Augen erkennen, so dicht war dieser Nebel. Umso klarer war sie nun wieder bei Verstand. Ihre Erinnerung war vollständig zurückgekehrt und sie war sich der Tatsache bewusst, dass sie sich in höchster Gefahr befand. Sie drehte sich auf den Bauch, kroch zur nächstgelegenen Säule, um etwas Deckung und Sicherheit im Rücken zu haben, und kauerte sich an deren Sockel. Anders als in der Szene in ihrem Kopf war sie heute keine ohnehin todgeweihte Seniorin mehr, sondern ein junges Mädchen, gut bei Kräften und nicht gewillt, die neu gewonnene Jugend, ihr neues Leben, sogleich wieder aufzugeben. Doch warum hatte der Zauber bei ihr gewirkt? Warum war sie nicht von einer der Nebelblasen mumifiziert und ihr Leben ausgesaugt worden? Warum war sie die einzige Überlebende dieser Jungbrunnen-Mission?
Zaghaft tastete Charlotte um sich herum den Boden ab. Walther musste hier irgendwo liegen. Wo war er? Er hatte so viel für sie getan, sie konnte und wollte ihn nicht aufgeben. Sie durfte das nicht tun, das war sie ihm schuldig. Soweit ihre Arme von der Säule aus reichten, tastete sie den kalten Steinboden ab. Es war still in der Höhle. Sie hörte zwar nach wie vor das Säuseln des Wassers und das Wispern, sie vernahm das gelegentliche Blubb einer aufsteigenden Nebelblase, die sie aber nicht sehen konnte. Und was sollte es sie auch scheren, sie war bereits völlig umhüllt von diesem todbringenden Dunst – wieso war sie noch lebendig?
Noch während sie tastete, konnte sie plötzlich etwas erkennen. Es war eine Hand, die aus dem Nebel heraus auf sie zukam, und sich ihr helfend entgegenstreckte. Gerade wollte sie danach greifen, da erkannte sie die leuchtenden Schriftzeichen darauf und ihr wurde klar, wer ihr hier auf die Beine helfen wollte. Sie wich hastig zurück, mit dem Rücken an die Säule. „Bleib weg von mir!“, brüllte sie in die undurchschaubare Nebelwand in Richtung Elias‘. „Bleib weg von mir, du Bastard!“
Sekunden danach trat Elias aus der Nebelwand heraus. Seine Hand war noch immer in ihre Richtung ausgestreckt, die Schriftzeichen entlang seines Arms leuchteten und pulsierten in einem blauen Licht. Sein Blick war nicht mehr kalt und erbarmungslos wie in ihrer Erinnerung, sondern geradezu sanft und liebevoll. Und ein wenig fordernd, was in Charlotte wieder die Wärme auslöste, die sie schon bei ihrer allerersten Begegnung mit Elias verspürt hatte. „Ich möchte dir helfen“, sagte er in ruhigem Ton zu Charlotte. „Hast du es noch immer nicht begriffen? Es wird dir nichts geschehen! Du bist nun endlich heimgekehrt.“
Charlotte versuchte dem Gesagten irgendeinen Sinn abzugewinnen. Und so sehr sie sich innerlich auch dagegen sträubte, so sehr sie auch Walther finden und von diesem unseligen Ort verschwinden wollte, genauso sehr reizte es sie auch, herauszufinden, wovon Elias plötzlich sprach. Zögerlich streckte sie den Arm aus, wollte Elias’ Hand fassen – und zog sie im nächsten Moment schon erschrocken zurück, als ihr eigener Arm ihr vor die Augen gekommen war. Denn jener leuchtete nun in demselben pulsierenden blauen Licht, das auch Elias’ Arm zeigte. Und als sie hastig den Ärmel hochschob, erkannte sie dieselben Symbole und Schriftzeichen, die in ihre Haut eingraviert zu sein schienen und im Lichte der Quelle erstrahlten. Gebannt starrte das Mädchen auf ihren Arm, erkannte das Leuchten auch durch den Stoff an ihrem anderen Arm und glaubte es durch den Stoff ihrer Jeans wahrzunehmen. „Was ist mit mir geschehen?“, stammelte sie entsetzt, während sie überall an ihrem Körper nach Schriftzeichen und Leuchten suchte. „Was habt ihr mit mir gemacht? Was ist mit mir passiert?“
„Wir haben gar nichts getan“, sagte Elias, der ihr noch immer seine Hand zur Hilfe bot. „Du bist in die Quelle gestürzt, du bist durch sie gestorben und durch sie neu geboren worden. Die frischen Kräfte des Jungbrunnens haben dir ein ganz neues Leben geschenkt – so wie es den Unseren seit Jahrtausenden bestimmt ist. Wir dienen dieser Quelle, sie hält uns am Leben, sie lenkt unsere Geschicke – dafür erbringen wir ihr die Tribute, beschützen ihren Zauber – und füttern sie bei jeder neuen Mondfinsternis.“ Der Nebel wurde nun wieder lichter – es gab keine Tribute mehr in dieser Halle. Je mehr Charlottes Glieder an Leuchtkraft gewannen, je intensiver die heißen, spannungsartigen Wellen brennend ihren Körper durchströmten, desto klarer konnte sie sehen. Sie erkannte, dass sie mit Elias längst nicht mehr alleine war. Um sie herum standen zahlreiche Gestalten mit leuchtenden Schriftzeichen auf Armen und Gesichtern, in dunkle Kutten gehüllt, die Häupter ehrfürchtig gesenkt. Fast schon andächtig, anbetend, leise murmelnd. Dies war das allgegenwärtige Wispern in der Stille.
Zaghaft ergriff sie die Hand Elias’, sah ihm in die Augen, während er ihr hoch half. Und auch als sie stand, ließ er ihre Hand nicht los. „Du bist nun eine von uns“, sagte Elias feierlich. „Die Quelle hat dich ausgewählt, sie hat dich als eine der ersten seit vielen Jahrhunderten wiedergeboren und mich geschickt, um dich zurück zu bringen. Mit deiner Heimkehr ist der Zauber vollendet. Willkommen im Tempel des Jungbrunnens!“
Charlotte machte sich von seiner Hand los und trat einen Schritt zurück. „Und was ist, wenn ich gar nicht hier sein möchte?“, fragte sie angestrengt kämpferisch, ob wohl sie die Antwort schon zu kennen glaubte. Dann schaute sie sich um: „Und wo ist Walther? Was ist mit ihm geschehen?“ Zwei der Priester hinter Elias gingen jeweils einen Schritt zur Seite und gaben den Blick frei auf Walther, der zusammengekauert auf dem Boden lag. Er war offenbar nicht mumifiziert wie die Opfer der Quelle in Charlottes Erinnerung. Dennoch wirkte er leblos, lag da zusammengekauert, es war kein Atem erkennbar. Er wirkte wie tot. „Was ist mit ihm?“, fragte Charlotte, die den Blick nicht von ihm wandte. „Er hat seinen Frieden“, sagte Elias und blickte auch auf den Greis herab. „Sein Ziel war es, dir ein neues Leben zu schenken. Und am Ende seines eigenen Lebens wurde ihm klar, dass er selbst nicht Teil davon sein würde.“ Charlotte blickte Elias entsetzt an: „Warum denn nicht? Die Quelle kann ihn doch auch wieder jung machen – wie mich!“
Der Priester lachte, trat neben Charlotte und legte die Arme um sie: „So funktioniert das leider nicht, junge Schwester“, sagte er sanft. „Die Menschen, die wir seit Jahrtausenden zu der Quelle führen, sind zum allergrößten Teil ihres Zaubers nicht würdig. Seien es Legenden und Schatzkarten; seien es Bücher, Märchen oder Wissenschaft; seien es Religionen, Sekten oder andere Verführer – all jene, die den innigsten Wunsch danach hegen, der eigenen Vergänglichkeit zu trotzen, sind zumeist eben jene, auf die unsere Welt am besten verzichten kann. Wer danach trachtet, den Zauber der Quelle für sich zu gebrauchen, um Macht, Ansehen, Geld oder Lust zu gewinnen, der wird scheitern. Und sein Streben verkehrt sich ins Gegenteil. Woran er sich klammert, das wird ihm genommen. Er wird zum Tribut, seine Getriebenheit dient dem Jungbrunnen als Nahrung. Nur wer in Demut und Bescheidenheit die Hilfe des Zaubers sucht, wer Wille und Stärke zeigt, der hat eine Chance, sich als würdig zu erweisen – genauso wie du. Du hast dich hingegeben, bist durch den Brunnen gestorben – und neu geboren.“
Charlotte lauschte seinen Worten und versuchte ihnen einen Sinn abzugewinnen. Eine Sache störte sie daran. „Aber warum denn ich?“, fragte sie dann. „Warum hat die Quelle nicht Walther geholfen? War er es nicht, der mich selbstlos hierher gebracht hat und sich selbst opferte, um mir ein neues Leben zu schenken? Warum könnt ihr ihm dann nicht helfen?“
Elias nickte verständnisvoll: „Du denkst noch immer in allzu menschlichen Kategorien“, sagte er dann. „Was Walther tat, mag selbstlos erscheinen. Dennoch tat er es um seiner selbst willen, weil er dich nicht loslassen konnte und wollte. Er konnte sich ein Leben ohne dich nicht vorstellen, wollte dich nicht gehen lassen, wollte dich an sich binden – für ein neues, ein zweites Leben. Nicht für dich, sondern für sich selbst. Erst ganz zuletzt, als jegliche Auswege verbaut schienen, besann er sich neu – und rettete so dein und sein Leben. Dennoch: Seine Motive waren nicht von Edelmut, er ist keiner von uns.“
Charlotte weinte, während sie an den Körper von Walther herantrat und daneben in die Hocke ging. „Und wer seid ihr denn schon, dass ihr das entscheidet?“, fragte sie bitter, mit tränenerstickter Stimme. „Wer gibt euch das Recht, über andere zu urteilen? Was macht euch so besonders?“
Elias trat hinter sie, die anderen Priester bildeten einen Kreis um sie, Elias und Walther in der Mitte. „Wir treffen keine Entscheidungen, die Quelle wählt selbst ihre Kinder“, sagte er sanft, während er seine Hand auf Charlottes Schulter legte. „Du bist nun eine der Unsrigen. Und Walther hat ein neues Abenteuer vor sich. Eines, das ihm sein Selbst vor Augen führt – und die Bindung an dich für immer auflöst. Dein Platz ist nun an unserer Seite, nicht mehr an der seinigen.“
Zwei Priester halfen Charlotte hoch, ein dritter legte ihr eine Kutte um die Schultern. Vier andere Priester nahmen den Körper Walthers hoch und trugen ihn hinaus, weg aus Charlottes Blickfeld, weg von der Quelle. Elias sah Charlotte an, nahm ihre beiden Hände in die seinen. „Bist du bereit? Nimmst du dieses Schicksal an?“ Charlotte lachte bitter. „Was bleibt mir denn anderes übrig?“, sagte sie. „Ich bin wieder jung, habe ein neues Leben vor mir – und du sagst mir, ich soll es hier, mit düsteren Priestern auf ewig in einem Tempel fristen? So hatte ich mir das nicht vorgestellt!“
Elias lächelte: „Vertraue auf die
Quelle, Lottchen. Sie zeigt dir den Weg!“