Willkommen in unserem Grand Hotel

Zimmer frei!

Nach Jahren des Leerstands hat das alte Grand Hotel plötzlich wieder seine Türen geöffnet. Über die Gründe, warum man vor vielen Jahren schließen musste, ranken sich unzählige Schauergeschichten. Fest steht, hier geht es nicht mit rechten Dingen zu! Dennoch strömen die ahnungslosen Gäste, gepackt von Neugier und Sensationslust, zur Eröffnung. Sie wollen auch wissen, was in dem Hotel vor sich geht? Nur zu… checken Sie ruhig ein, es sind noch Zimmer frei!
Ein Blick ins Grand Hotel

Daten & Fakten

Spielzeit
seit 2026
Gruselfaktor
hoch
Schreckfaktor
sehr hoch
Lage
Hinter der Attraktion "Heißer Ofen"
Die Geschichte zum Maze „Zimmer frei!“ von Mathias Schwappach

Zimmer frei

Kapitel 4

Langsam und bedächtig tastet sich Marie in dem dunklen, nur von wenigen verglimmenden Fackeln beleuchteten Gang voran. Sie hat das Zeitgefühl verloren, kann kaum mehr abschätzen, wie lange sie hier schon herumirrt. Da entdeckt sie an der Wand einen mit Kreide aufgemalten Pfeil mit dem gekrizelten Zusatz „Geheime Kneipe“. Dafür war dieser Geheimgang also einst gedacht, denkt sie bei sich. Dort haben sich wohl die feinen Herren in Absenz ihre Begleiterinnen getroffen, um bei Brandy und Zigarren in Gesprächen über Politik und Wirtschaft ihre Zukunft zu planen. Nichts für die geschwätzigen Frauenzimmer, die durften fein auf den Zimmern die Kinder hüten. Und als sie um die nächste Ecke biegt, betritt sie eben jenen geheimen Bar- und Clubraum, der von Kerzen in ein fahles Licht getaucht wird, und neben dem wuchtigen Holz-Tresen samt Ausschank auch mehrere von Staub bedeckte Tische und Stühle beherbergt. Langsam und vorsichtig läuft Marie weiter und versucht, möglichst wenige Geräusche zu verursachen, und den Tresen sowie alle Ecken des Raumes im Blick zu behalten. Es läuft leise Musik – und warum sollte diese erklingen, wenn es hier keine Zuhörer gäbe? Sie ist auf der Hut, möchte sich nicht erneut überraschen lassen … und doch tappt sie in die Falle.

Gerade hat sie den Tresen passiert als sie spürt, dass sie nicht länger alleine ist. Sie wirbelt herum: Hinter dem Tresen steht … Georg … oder eher das, was von ihm übrig ist. Es sind seine Kleider, zweifelsohne, doch hängen sie in Fetzen an der Statur – und Gesicht, Augen, die Klauen und die Bewegung ähneln viel mehr diesem Pagen-Monster, der sie eben noch verfolgte. Dieses neue Georg-Monster, es starrt sie mit dem gleichen blutrünstigen, irren Blick aus rot leuchtenden Augen an, wie ihr Verfolger auf dem Hotelflur. Und für einen Sekundenbruchteil ist Marie fast sogar ein bisschen erleichtert, ihr Gewissen beruhigt, dass sie diese Hoffnung auf eine Rettung und eine Bemühung um ihren Liebsten nun aufgeben kann – um sich somit vielleicht noch selbst retten zu können. Marie zaudert nicht lang, lässt es nicht auf einen Versuch ankommen: Während die abscheuliche Gestalt, die einmal ihr Liebster war, knurrend und geifern hinter dem Tresen hevorschlurft und die Hände nach seinem Opfer ausstreckt, stürmt jenes davon.

Marie rennt so schnell sie kann durch eine Tür auf der anderen Seite des Raumes, wirft im Vorbeirennen polternd Tische und Stühle um, damit es ihr Verfolger so schwer wie möglich habe. Sie gelangt in eine Küche, glücklicherweise gleichfalls mit einem zweiten Ausgang. Marie wirft ein neben der Türe stehendes Regal mit Töpfen, Pfannen und Geschirr mit lautem Getöse um, das daraufhin den Durchgang hinter ihr fast komplett versperrt. In höchster Eile durchquert sie den dahinter liegenden Heizungskeller, weicht dampfzischenden Ventilen und kochend heißen Wolken aus, sieht sich hektisch um – und entdeckt schließlich einen Ausgang.

Voller Erleichterung hetzt Marie ins Freie und wirft die schwere Stahltüre hinter sich zu. Auch hier gibt es einen Riegel, den sie sofort vorschiebt. Und als ihr früherer Verlobter, das frisch verwandelte Hotel-Monster, von der anderen Seite gegen die Türe prallt, dagegen poltert knurrt und kreischt, legt sie eine Hand auf den Stahl, um Abschied zu nehmen. „Es tut mir so leid. Bitte glaube mir … es tut mir leid“, flüstert Marie und die Tränen fließen über ihre Wangen. Wieder und wieder rumpelt der Untote gierig gröhlend gegen die Tür. Aber sie hält stand. Es ist ein Abschied für immer.

Marie wendet sich um. Vor ihr liegt eine heruntergekommene dunkle Gasse, getaucht in schwaches gelbliches Licht, in dessen schein sich Berge von Müllsäcken türmen. Riesige Müllcontainer versperren nach wenigen Metern die Sicht. Ein übler Gestank nach Ammoniak, Dreck und Verwesung liegt in der Luft. Und im langsamen Vorbeigehen erkennt sie, dass aus den teilweise geplatzten Müllsäcken Überreste herausquellen, die sie kaum anders zuordnen kann, als menschliche Gliedmaßen und Gedärme. Es ist ein riesiger Berg, ein Entsorgungs-Friedhof von unsäglichem Grauen und Gestank. Schwärme von Fliegen laben sich an dem, was die Kreaturen des Hotels verschmäht haben. Unzählbar sind die Opfer, die das „Grand Hotel“ hier buchstäblich angehäuft hat. Gekommen, um zu bleiben …

Marie schüttelt den Gedanken ab. Sie muss weiter, sie muss weg, bevor die Tür zum Heizungskeller womöglich doch noch nachgibt. Und noch während ihr dieser Gedanke durch den Kopf schießt, wird ihr bewusst: Der Lärm hinter ihr hat, das Rumpeln gegen die Tür, es ist weg. Es hat plötzlich aufgehört. Es ist still geworden. Abgesehen von einem rhythmischen Geräusch im Nacken, einem Luftzug – einem Atem. 

Ein letztes Mal in ihrem noch so jungen, alsbald ausklingenden Leben jagt Marie der kalte Schauer über den Rücken, als sie sich umdreht und sich dem alten Mann von der Rezeption gegenüber sieht, der sie mit kaltem Blick aus den greisen, blauen Augen und kopfschüttelnd anlächelt.  Und hinter ihm stehen, knurrend und geifernd, unzählbar viele Pagen-Monster – als ob auf einem gigantischen Service-Friedhof gleichsam der jüngste Tag angebrochen sei. Die beerdigten dienstbaren Geister haben sich aus dem Totenreich erhoben – wohingegen Marie all ihre Hoffnung nunmehr beerdigen muss. „Die jungen Leute, die jungen Leute“, sagt der alte Mann. „Machen so viel Radau und haben es immer eilig. So sind sie heute.“ Er hebt langsam die rechte Hand, schnips mit den Fingern – und die Monster-Horde kreist Marie ein, stürzt sich auf das Mädchen. Kaum zu sagen, ob sie alle etwas abbekommen, es ist ein wildes Wüten um jedes Stück Fleisch und Knochen, so dass am Ende nichts zurückbleibt, was noch auf dem verwesenden Müllberg enden könnte. „Wo wollen Sie denn schon hin, junge Frau?“, flüstert der alte Mann bei sich, während sich nun die Georg-Kreatur gleich einem Hund zu seinen Füßen hinkauert, an einem Knochen seiner Verlobten nagend, während der Greis ihm den Kopf tätschelt. „Wir haben geöffnet, alles ist offen, sie sind hier willkommen. Wir haben noch Zimmer frei.“

Zimmer frei