Zimmer frei!
Daten & Fakten
Zimmer frei
Kapitel 3
Als sich die mechanischen Türen der geräumigen Kabine hinter ihnen schließen, packt auch Georg die Unruhe. Während der Aufzug sich in Bewegung setzt, wendet er sich an den Pagen. „Warum ist es denn hier so leer und so still?“, fragt er den jungen Mann. „Sind wir die einzigen Gäste?“ Der Page starrt weiter geradeaus und an Georg vorbei. Sein Mund zeigt nach wie vor das verzogene Grinsen, die Mundwinkel zucken. „Gäste meinen Sie?“, fragt er zurück. „Es sind viele Gäste hier.“ Und mit einem Ruck wendet sich der Kopf, der Page starrt Georg direkt und bohrend mit seinem irren Blick an und knurrt: „Sie sind gekommen, um zu bleiben.“
Noch bevor Marie und Georg ihren Schreck verdaut haben und darauf antworten können, beginnt das Licht im Aufzug heftig zu flackern und Kabine beginnt zu wackeln. Marie schreit auf und sucht Halt. Der Page bleibt still an seinem Platz stehen. Das Lächeln auf seinem Gesicht wirkt wie eingefroren. Noch immer starrt er beide irre grinsend an. Und dann erlischt das Licht. Noch einmal schreit Marie und umklammert Georg so fest sie kann. Das Ruckeln wird heftiger, immer stärker, und von lautem Krachen alten Metalls begleitet. Dann, ganz plötzlich, stoppt der Lift mit einem heftigen Ruck – und die Türen gleiten auseinander.
Marie packt zu und die Insassen stürzen geradezu aus dem Fahrstuhl hinaus auf einen spärlich beleuchteten Hotelflur. Marie ist in heller Panik, sie robbt seitlich ein Stück weg von der Lifttür. Im fahlen Licht, das vom Flur ins Innere der noch immer düsteren Kabine fällt, erkennt sie noch die Umrisse des kalt lächelnden Pagen, der weiterhin in die Richtung starrt, wo sie eben noch stand. Und als ihre Augen sich an das spärliche Licht gewöhnen, erkennt sie ebenda plötzlich noch etwas: Wo sie selbst soeben noch stand, steht nun eine andere, eine düstere, eine unheimliche Gestalt – und diese Gestalt hält ihren Georg umklammert. Ihr Verlobter rührt sich nicht – er kann sich gar nicht rühren. Er windet sich, möchte schreien, der der Mund wird ihm zugehalten.
Marie jagt ein kalter Schauer über den Rücken. „Georg!“, schreit sie laut auf, doch es ist zu spät. „Ich wünsche ihnen einen angenehmen Aufenthalt“, vernimmt sie die Stimme des Pagen, bevor die Tür sich wieder schließt. Und im schrillen Gelächter des gräulichen Liftboys gehen die Schreie des Paares unter.
Marie stürzt zurück an die geschlossene Tür. „Georg!“, ruft sie immer wieder, ängstlich, voller Panik, und hämmert mit den Fäusten gegen die Lifttür. Doch es ist vergebens. Was geht hier nur vor? Wohin sind sie hier nur geraten? Marie sinkt vor der Lifttür zusammen. Sie weint. In ihrem Kopf kreisen wild die Gedanken und sie versucht, ihre Angst zurückzudrängen und wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Und dann wird ihr etwas bewusst.
Wenn Georg eben noch in dem Lift war, wenn etwas anders ihn umklammert hielt – wen oder was genau hatte sie selbst dann soeben in der Dunkelheit der Kabine umarmt? Und wer oder was hatte – mit ihr den Lift verlassen? Erneut spürt Marie den kalten Schauer auf ihrem Rücken – und da ist noch etwas anderes. Etwas Rhythmisches, etwas Beständiges, ein Luftzug – ein Atem?
Marie kauert noch immer vor der Lifttür. Doch nun dreht sie sich langsam um. Direkt hinter ihr, dort wo sie eben noch Georg wähnte, steht eine Gestalt. Sie ist ebenso gekleidet wieder der Page, die Uniform ist die gleiche, doch hängt sie in Fetzen an einer monströsen Erscheinung. Die Augen leuchten rot und wild. Die Haut ist bleich und spannt sich wie Pergament über hervorstehende Knochen. Gleich einem lebenden Toten steht dieses Service-Monster hinter ihr, sabbert und geifert in Erwartung eines Menschen-Schmauses. Er dort hinter ihr, atmet heftig, den Blick auf sie geheftet – seine Beute. Dann streckt er die fahlen Hände mit den langen Fingern aus und greift nach ihr.
Die Gedanken an und die Sorge um Georg weichen in Maries Bewusstsein einer puren und durch nichts mehr zu bändigenden Panik, der schieren Todesangst. Sie hat ihren Körper nicht mehr unter Kontrolle, als der Instinkt das Handeln übernimmt und nur noch ums Überlegen kämpft. Sekundenbruchteile, bevor das Pagen-Monster sie zu fassen bekommt und seine Zähne in ihr Fleisch schlägt, rollt sie zur Seite und gewinnt die nötigen Augenblicke, um aufzustehen und noch einmal die Flucht zu ergreifen. Sie hastet, stolpernd, hinkend, taumelnd, den schier endlos wirkenden Hotelflur entlang, das Gepolter, Schnaufen und Knurren ihres zornigen und hungrigen Verfolgers hinter sich – und obschon der Abstand dies schier unmöglich macht, spürt sie seinen Atem noch im Nacken. Hastig rüttelt sie an gleich mehreren Türen auf ihrem Weg: eine Suite, ein Hotelzimmer, ein Etagenbad und viele weitere – alle sind verschlossen.
Als das Ende des Flures gerät sie in eine Sackgasse. Ihr Verfolger naht unaufhörlich und hat sie schon fast eingeholt. Da erblickt die gehetzte Frau eine hölzerne Tür mit der Aufschrift „Kaminzimmer“ – und diese ist offen. Hastig stürzt Marie hinein und schlägt die Türe gerade noch hinter sich zu, als die Kreatur sie soeben erreich. Als sie die zugreifenden Klauen ihres Häschers in der zufallenden Tür einklemmt, ertönt ein wütendes Schnauben und Knurren, dann werden sie zurückgezogen. Hastig schiebt Marie einen Riegel auf ihrer Seite der Tür vor – und ist in Sicherheit. Vorerst. Von draußen poltert das untote Wesen weiter wütend gegen die Tür, die den Erschütterungen allerdings gut standhält. Marie sinkt an der Wand zusammen und ringt nach Atem.
Eines ist sicher: Marie sitzt in der Falle. Auf den Flur kann sie nicht zurück; dort lauert der sichere Tod. Aber hier bleiben kann sie auch nicht: Sie muss hinaus, um Georg zu finden. Oder zumindest einen Ausgang, um Hilfe zu holen. Sie bemerkt selbst, wie unglaubwürdig das klingt. Sie weiß nicht, ob sie ihren Verlobten überhaupt noch retten kann – oder will. Was sie aber mit Sicherheit weiß, ist, dass sie diesem verfluchten Ort entkomme will, diesem verwunschenen Hotel mit all dem Horror-Personal, was hier herumgeistert. Doch wie soll sie das anstellen?
Marie blickt sich um: Der Raum ist recht klein. Im offenen Kamin dieses „Kaminzimmers“ lodert ein Feuer, davor steht ein roter, eingestaubter Sessel samt einem kleinen Beistelltisch. An der Wand steht ein Bücherregal. Marie rappelt sich mühsam hoch. Sie läuft langsam an die verriegelte Tür. Doch gerade, als sie ihr Ohr an diese gelegt hat, um in den Flur zu lauschen, rumpelt etwas mit voller Wucht von der anderen Seite dagegen, woraufhin Marie mit einem Schrei zurückweicht und gegen das Bücherregal prallt. Ihr Angreifer ist also noch da – und lauert auf sie. Wie lange wird die Tür in noch draußen halten?
Sie überlegt fieberhaft, schaut sich verzweifelt im Raum nach Auswegen, Verstecken oder wenigstens Waffen um – als ihr plötzlich etwas auffällt. Eines der Bücher in dem Regal hat eine auffallend herausstechende Farbe. Im Vergleich zu allen anderen Werken, die dort aufgereiht stehen, wirkt es weniger alt und irgendwie deplatziert. Marie tritt an das Regal heran, will das Buch herausziehen, doch es hängt fest. Sie kippt es zu sich – und in diesem Moment rastet in dem Regal etwas ein, es macht Klick – und hinter ihr im Kamin erlischt das Feuer, die Rückwand des Kamins fährt nach oben und offenbart einen Geheimgang direkt dahinter.
Verdattert starrt die Flüchtende auf diesen sich auftuenden Ausweg. Marie kann ihr Glück im Unglück kaum fassen. Von allen Zimmern, in die sie hätte geraten können, hat sie ausgerechnet dieses mit dem eingeplanten Fluchtweg erwischt. Ganz gleich, was da jenseits dieses Kamins auf sie wartet, zurück kann sie ohnehin nicht mehr. Also fasst sich die junge Frau ein Herz, schlüpft geduckt durch die Feuerstelle hindurch und durchschreitet vorsichtig die geheime Tür in einen weiteren Gang, der für sie Flucht oder Verderben bedeuten kann. Marie geht weiter, balanciert über den schiefen Boden, stützt sich ab an verrußten Wänden mit teilweise scharfen hervorstehenden Kanten. Und während sich hinter ihr die Mauer zum Kamin wieder senkt, gerät sie ins Grübeln, weshalb womöglich gerade diese eine Tür, die zum Kaminzimmer, als einzige nicht verschlossen gewesen sein könnte. Es ist allerdings zu spät um dies zu bedenken, es geht jetzt nur noch geradeaus. Ein Zurück gibt es nicht mehr.