Zimmer frei!
Daten & Fakten
Zimmer frei
Kapitel 2
Das Foyer ist riesig und prunkvoll gestaltet. Das Ambiente wirkt alt, aber doch stilvoll. Auf dem Boden liegt roter Teppich, den beide mit reichlich Tropfen und nassen Fußabdrücken versehen. Das Foyer ist so hoch wie das Gebäude selbst und wird nach oben hin nur durch das Dach begrenzt. Von dort herab hängt ein gigantischer Kronleuchter. Gegenüber dem Eingang führt nach einigen Metern eine breite Treppe hinauf bis auf etwa halbe Höhe, um sich dann in zwei Richtungen nach links und rechts zu teilen. Von da ab führen die Stufen jeweils nach links und rechts bis hinauf zu einer Galerie, die auf Höhe der ersten Etage ringsherum das Foyer begrenzt, und von der aus weitere Gänge in die von hier nicht sichtbaren Teile des Gebäudes, vermutlich zu den Zimmern, führen. Weitere Galerien sind auf Höhe der zweiten und dritten Etage zu erkennen, allerdings ohne Zugang über die Treppe. Dorthin gelangt man nur über einen altertümlich anmutenden Lift, den Marie und Georg zu ihrer Linken erspähen. In der Mitte des Foyers steht eine große Sitzgruppe, die locker an die zwölf Personen Platz bietet. Links an der Wand erblicken beide die Rezeption. Dorthin führen sie ihre nächsten Schritte. Gut sichtbar an der Linie nasser Fußspuren, die sie von der Türe aus, quer durch das Foyer, hinter sich herziehen.
Georg betätigt mit der flachen Hand eine Klingel, die an der Theke der Rezeption steht. Beide blicken sich um. Der helle Glöckchen-Klang verzerrt unwirklich die skurrile Stille dieses gigantischen Salons. Müsste hier nicht sehr viel mehr los sein in einem Grand Hotel? Viele Menschen, Gäste, Angestellte, geschäftiger Trubel und Lebendigkeit? Stattdessen herrschen gähnende Leere, bedrückende Stille, das Licht scheint gedimmt und alles wirkt irgendwie – tot. Sekunden werden zu Minuten und nichts bewegt sich. Noch einmal drückt Georg auf die Klingel. Auch ihn hat die Unruhe gepackt, weshalb er etwas heftiger zuschlägt als nötig. „Hallo?“, ruft er in Richtung einer Tür hinter der Theke. „Ist jemand hier?“
Kurz scheint auch dieser Laut ungehört zu verhallen – doch dann wird die Tür urplötzlich abrupt aufgerissen. Es wirkt weniger, als haben sie jemand geöffnet, vielmehr schnappt die Tür geradezu auf. Und aus der Dunkelheit dahinter tritt langsam ein kleiner, greiser alter Mann hervor, der gebückt und bedächtig nach vorne zur Theke tippelt. Er trägt eine altertümliche Pagen-Uniform aus rotem Stoff und goldenen Ornamenten. „Nur langsam, nur langsam die jungen Leute“, murmelt er vor sich hin, während er gemächlich näherkommt, es aber kaum eilig zu haben scheint. „Ankommen und machen so viel Radau, so sind sie, so sind sie heute.“
Als er an der Theke angekommen ist, hat er Marie und Georg noch immer keines direkten Blickes gewürdigt. Er stellt sich auf einen kleinen Schemel hinter der Theke, der es ihm ermöglicht, darüber zu schauen. Dann zieht er ein auf der Theke liegendes und geradezu antik wirkendes Buch mit vergilbten Seiten an sich heran, schlägt es auf, zückt einen daneben liegenden Federhalter und schaut erst dann zum erstem Mal das völlig durchnässte und leicht zitternde Paar über seine schmale silberne Brille hinweg aus schmalen Lidern und trüben Augen heraus an. „Was wollt ihr denn?“, fragt er wenig höflich. Sein Blick bleibt starr und unwirklich auf den beiden haften. Kein Anflug von Hilfsbereitschaft oder gar Service. Der alte Mann wirkt abweisend.
„Wir hatten einen Unfall“, erklärt Georg und überspielt das wenig herzliche Willkommen seines Gegenübers. „Unser Wagen ist von der Straße abgekommen und wir haben das Licht dieses Gebäudes gesehen. Haben Sie denn geöffnet?“ Er schaut sich nochmal kurz um. „Können wir hier heute Nacht bleiben und unsere Angelegenheiten regeln?“ Es verstreichen einige Sekunden, in denen er den alten Mann direkt anblickt und jener sich nicht rührt. Als er weiterspricht, klingt die Stimme des greisen Rezeptionisten zumindest etwas freundlicher.
„Geöffnet“, wiederholt der alte Mann. „Jaja, es ist geöffnet.“ Er kichert kurz in sich hinein. „Geöffnet haben wir wohl, junger Mann. Und ein Zimmer, jaja, das haben wir auch frei.“ Er kritzelt etwas mit einem Federhalter auf eine freie Seite des Buchs. „Schreiben Sie doch bitte ihren Namen hier auf und ich sehe derweil nach dem Zimmer.“ Er schiebt den beiden das Buch und den Federhalter hin, Georg dreht es zu sich und beginnt den Eintrag. Er lässt sich nicht anmerken, dass e4r die Prozedur nur möglichst schnell hinter sich bringen will.
Marie sieht abwechselnd ihren schreibenden Verlobten und den alten Mann an, der sich nun sehr langsam umdreht, von dem kleinen Podest steigt und von einem Brett mit zahlreichen Haken und Schlüsseln an der Wand hinter sich einen ganz bestimmten herunternimmt. Sie hat immernoch ein ungutes Gefühl in und mit diesem seltsamen Hotel. Das Erscheinungsbild und was sie hier vorfinden will einfach nicht zusammenpassen. In ihrem Inneren schreit alles danach, dieses unheimliche Haus schnell wieder zu verlassen – aber Georg ist bereits dabei, sie einzuchecken. Gibt es überhaupt noch ein Zurück? „Wir wollen ihnen aber keine Umstände bereiten“, schiebt sie schnell in Richtung des alten Mannes hinterher. „Wenn sie nicht geöffnet haben oder alle anderen schon schlafen, dann gehen wir gerne wieder.“ Der alte Mann dreht sich zu ihr, den Schlüssel in der Hand, und taxiert sie mit einem leeren Blick. „Wo wollen Sie denn schon hin, junge Frau?“, fragt er herausfordernd und feixend. „Wir haben geöffnet, alles ist offen, sie sind hier willkommen. Wir haben noch Zimmer frei.“ Damit knallt er den Zimmerschlüssel auf die Theke und sagt etwas lauter: „Antoine bringt sie zu ihrem Zimmer.“
Eine lautes Klingelzeichen ertönt und während Georg noch den Eintrag ins Gästebuch vollendet und Marie zaghaft der Schlüssel an sich nimmt, öffnet sich auf der anderen Seite des Foyers die Tür des Fahrstuhls – und ein gleichfalls in rot und Gold gewandeter Page tritt daraus hervor. Sein Blick wirkt starr, seine Haut bleich, das aufgesetzte Lächeln leicht irre. „Haben Sie Gepäck“, fragt er unvermittelt. „Nein“, entgegnet Georg und klappt das Buch vor sich zu. Dann wendet er sich an den Pagen. „Es ist alles noch im Auto, aber das holen wir morgen. Wir wollen bitte nur ins Zimmer.“ Der Page deutet eine Verbeugung an. „Folgen Sie mir“, sagt er knapp, dreht sich auf dem Absatz herum und geht zurück in den Lift. Als Marie und Georg sich noch kurz bei dem alten Mann an der Rezeption bedanken wollen, ist dieser bereits verschwunden. Etwas zögerlich folgen beide dem Pagen in den Lift.