Zimmer frei!
Daten & Fakten
Zimmer frei
Kapitel 1
Der Regen prasselt gegen die Windschutzscheibe. Die Scheibenwischer des alten Ford Mustang haben dieser Sintflut von oben kaum etwas entgegenzusetzen, während sich das Auto seinen Weg durch einen undurchsichtigen Schleier im nächtlichen Strombergwald bahnt. Wie sie hierherkamen und wohin sie der eingeschlagene Weg führt – Marie und Georg haben jegliches Gefühl für Weg und Richtung längst verloren. Die Finsternis um sie herum wird allein durch den Regen durchbrochen, ein klarer Blick ist unmöglich. Genauso das Erspähen eines womöglich rettenden Wegweisers.
„Vielleicht sollten wir an die Seite fahren und im Auto übernachten“, schlägt Marie zaghaft vor, während sie abwechselnd auf den Straßenplan auf ihren Knien und mit zusammengekniffenen Augen aus den Fenstern des Wagens blickt, um sich wenigstens ein Mindestmaß an Orientierung zu verschaffen. „Wenn wir weiterfahren, kommen wir womöglich noch von der Straße ab.“
„Es kann nicht mehr weit sein“, wiegelt Georg ab, während er nach vorne gebeugt das Lenkrad umklammert, aus dem vorderen Fenster starrt und so tut, als könne er noch erkennen, wohin er das Auto lenkt. „Ich bin mir sicher, es muss doch …“
Der Aufprall ist markerschütternd. Obwohl das Auto keine allzu hohe Geschwindigkeit mehr hatte, trifft es doch den riesigen Baum am Straßenrand mit mächtiger Wucht, was Georgs Kopf, knapp über dem Lenkrad gegen dasselbe donnert und Marie, die soeben wieder der Karte widmen wollte, nach vorne schleudert. Von irgendwo unter der Kühlerhaube steigt Rauch auf. Und auch der Innenraum des Wagens füllt sich mit dem Qualm.
Marie und Georg sind benommen, aber nicht bewusstlos. Georg blutet heftig am Kinn, Marie rappelt sich hoch und kümmert sich sofort um ihren Verlobten. „Raus hier!“, schreit sie ihn an. „Wir müssen weg hier!“ Rasch verlassen sie das Auto, bevor das Atmen m Innenraum unmöglich wird.
Der kalte Regen, der auf sie hernieder prasselt, holt die beiden Reisenden rasch vollends in die Realität zurück. Die Benommenheit wird weggespült. Was bleibt, ist der ernüchternde Anblick des Ford Mustang, dessen vorderer Teil sich förmlich beidseits um den riesigen Baumstamm gewickelt hat. Mit diesem Wagen ist kein einziger weiterer Meter mehr zurückzulegen. Während Georg die „zweitwichtigste Lady in seinem Leben nach Marie“ noch innerlich betrauert, schaut sich die Erstwichtigste bereits um, wo sie vor dem Unwetter Schutz suchen könnten. „Dort drüben!“, schreit Marie, um das Rauschen des Regens und das Donnergrollen über den Baumwipfeln zu übertönen, und weist in eine Richtung abseits der Straße. „Ich sehe ein Licht.“ Georg reißt sich von dem Wagen los, sieht Marie an und nickt. Dann machen sich beide auf den Weg, quer durch den Wald, in Richtung des erspähten Lichtscheins in der Ferne.
Der Weg ist länger, als sie angenommen hatten. An riesigen Bäumen dicht an dicht, durch Gestrüpp und über dornigen Untergrund taumeln Marie und Georg voran. Der Aufprall hat beide mehr mitgenommen, als sie es sich einander gegenüber eingestehen wollen. Die Kräfte schwinden, doch endlich kommen sie scheinbar dem Leuchten etwas näher – wie einem Licht am Ende des Tunnels.
Als Marie und Georg die letzten Büsche durchbrechen erhebt sich vor ihnen schließlich ein imposantes Gebäude. Was durch das Dickicht und den Regenschleier von Weitem nur als vages Licht erschien, erweist sich nun als mehrere Stockwerke hohes Prunkgebäude mit opulent-einladendem Flair. „Grand Hotel“ steht auf einem Schild über der goldenen Doppeltür, die ins innere führt. Und direkt neben dem Eingang ist ein kleines Täfelchen angebracht, auf der mit Kreide geschrieben steht: „Zimmer frei“.
„Gott sei Dank“, entfährt es Georg und er löst sich von Marie, um über eine sorgsam gepflegte Wiese in Richtung Eingang zu stolpern. Ohne die Bedachung der Baumkronen über ihnen stehen sie buchstäblich voll im Regen, weshalb Georg an Tempo zulegt – obwohl er sowieso schon völlig durchnässt ist. Marie bleibt zögerlich stehen. Als er merkt, dass sie zurückbleibt, dreht Georg sich nach seiner Verlobten um. „Was ist los?“, ruft er. „Komm‘ schon! Da drinnen können sie uns einen Arzt rufen und wir können den Abschleppdienst für das Auto verständigen.“
„Kommt es dir denn nicht seltsam vor, dass dieses riesige Gebäude mitten im Wald steht und von weitem – trotz des Lichtes – kaum zu sehen ist? Dieses riesige Haus hätte man doch viel deutlicher erkennen müssen?“, fragt Marie zaghaft und gerade so laut, dass ihre Stimme von den prasselnden Tropfen nicht übertönt wird. „Außerdem sind wir ziemlich weit weg von der Straße. Siehst du hier irgendeine Zufahrt?“
Georg läuft zurück zu Marie, nimmt ihr Gesicht in beide Hände und sieht sie liebevoll an. „Können wir über solche Dinge bitte, bitte dann sprechen, wenn wir im Trockenen sind, uns Hilfe geholt haben und in einem bequemen Bett in einem schicken Zimmer auf den Arzt warten?“, fragt er lächelnd. „Wir sind beide noch benommen von dem Unfall, wir brauchen dringend Ruhe. Lass‘ uns hineingehen. Was dir seltsam vorkommt, hat bestimmt eine ganz einfache Erklärung. Durch Regen und Dickicht ging der Lichtschein von Weitem einfach etwas unter. Die Zufahrt ist bestimmt auf der Rückseite.“
Marie seufzt. Auch sie sehnt sich nach Ruhe und einem Bett. Das mulmige Gefühl in ihrem Bauch schreibt sie schließlich dem Unfall zu. Sie fasst sich ein Herz und nickt. Arm in Arm – ungeachtet des Regens – schlendert das pitschnasse Paar also nun auf den Haupteingang zu, über einen schmalen Schotterweg, vorbei an wohl gehegten Beeten und Bepflanzungen, bis auf einen kleinen Vorplatz, von dem aus drei breite Stufen hinauf zur Türe führen. „Vielleicht hatten wir ja doch noch Glück im Unglück“, sagt sie, halb zu sich selbst, halb zu Georg, beide öffnen je einen Flügel der goldenen Doppeltür und treten ein.